Rotraut Rumbaum  Mindful Motion

Rotraut Rumbaum

Mindful Motion

Tango. Vom Macho über männliche Scham zu männlicher Präsenz

Zweiter Erfahrungsbericht aus meinem Leben als Tangocoach.

Rotraut Rumbaum Mindful Motion Tango Argentino
Rotraut Rumbaum, Mindful Motion Tango Coaching

"Darf ich das denn? Ich merke, dass ich befürchte, mit meiner Kraft und männlichen Energie zu viel zu sein."


Tango. Wir gehen in Umarmung den Rhythmus. Er geht vorwärts, ich rückwärts. Sonst nichts.

Sonst nichts?


Oberflächlich betrachtet könnte man denken: ist doch easy... zumindest für Tangotänzer.

Taucht man allerdings tiefer ein und beginnt damit, sich bewusst wahrzunehmen, eröffnen sich schon durch einfaches Gehen neue Erfahrungen und damit auch neue Möglichkeiten.

Für Ben, einen souverän auftretenden und erfolgreichen Mann, der im Kontakt mit Frauen nicht schüchtern ist, ist dies wider Erwarten ein wichtiges Erlebnis.


Er hatte gerade lange und intensiv geübt, aus der Körpermitte zu gehen und den Raum von dort aus einzunehmen. Also sich seines Beckens bewusst den Raum zu erobern, als wäre sein Becken der Motor.


Er war sehr ambitioniert, leidenschaftlich und voll bei der Sache. Das langsame Gehen mit der Energie aus dem Becken, und sich selbst so ungewohnt differenziert zu spüren, tat ihm offensichtlich gut. Er wollte gar nicht mehr aufhören und war offenbar auch auf einer inneren Entdeckungsreise. Er wirkte kraftvoll, stabil, männlich selbstbewusst, und sehr konzentriert.


Dann ermunterte ich ihn, das nun in den gemeinsamen Tanz einzubringen und weiter zu festigen.


Währenddessen blieb er dann plötzlich stehen, sah mich an und fragte

" Ist das nicht zu viel? So aus dem Becken auf Dich zu zu gehen? Ich dachte immer ich bin zu viel damit... Ich will ja nicht aufdringlich sein oder missverstanden werden.“

Er wirkte innerlich berührt und sehr bewegt.


Diese unbewusste Gleichsetzung von männlicher Energie mit sexuellem Verhalten - oder zumindest sexueller Intention - habe ich schon öfter erlebt.

Manchmal haben Männer keine innere Differenzierung zwischen männlicher Präsenz und Sexualität. Dann ist Beckenenergie gleichgesetzt mit sexueller Absicht.

Nicht wenige Männer "verschwinden" auf die eine oder andere Weise aus ihrer Körpermitte, um nicht falsch verstanden zu werden. Sie fürchten sich im Tango vor ihrer eigenen Beckenpower. Oft tun sie das unbewusst. Dies kann aus der irgendwann im Leben erlebten Scham entstehen, mit der eigenen männlichen Lebenskraft als schmutzig oder unerwünscht zu gelten.

Sie müssen sich ihr Becken in gewisser Weise erst wieder zurückerobern und neues männliches Selbstbewusstsein entwickeln.

Ich versicherte Ben, das sich seine Präsenz aus der Körpermitte gut anfühlte, mir Orientierung und Sicherheit vermittelte.


Als er auf diese Weise spürbarer wurde, hatte ich es in der Rolle als Folgende leichter. Alles wurde freier und entspannter, Führungsimpulse wurden eindeutiger und konnten sich auf das minimal Notwendige reduzieren. Gleichzeitig wurde die Umarmung entspannter, weil sie keine kompensatorische "Extraführung" mehr enthielt. Und vor allem: ich spürte IHN! Unser Kontakt war nicht mehr überlagert vom "Machen". Er war mehr präsent und damit in der Begegnung spürbarer. Schön!


In den folgenden Wochen strahlte er mich beim Tanzen zwischendurch oft mal an mit der Bemerkung : “ Ich spüre plötzlich viel mehr von Dir! Und was Du machst! Das ist wunderbar. Dafür tanzt man ja...“

Ja, wenn man sich selber mehr spürt und wirklich anwesend ist, kann man auch den anderen mehr spüren. Körperlich feinsinniger und präsenter zu werden, hat Auswirkungen in beide Richtungen.

Wenn sich Männlichkeit mit Empfindsamkeit für die eigene verdrängte Scham verbindet, entsteht Berührung. Zunächst "seelische Selbstberührung". Und dadurch kann auch die Partnerin sowohl in ihrer Körperlichkeit, als auch ihrem Wesen stärker erlebt werden. Frauen fühlen sich dadurch eher gespürt, angenommen und eins mit dem Partner. Ich kenne kaum eine Frau, die sich nicht danach sehnt.

Führung aus männlicher Präsenz heraus macht beide glücklich und das gemeinsame Tanzen leicht.

Der Weg bis dorthin

Als er vor ein paar Jahren das erste Mal zu mir kam, habe ich danach ziemlich tief durchatmen und mir Mut machen müssen. Seine coole Schlagfertigkeit, der stechend herausfordernde Blick im angespannten Gesicht mit leicht hochgerecktem Kinn machte mir als Hochsensibelchen zu schaffen. Was mir half, waren meine feinen Antennen für das empfindsame Wesen, das sich dahinter versteckte.


Wir befassten uns nicht nur mit Tango. Er erzählte jedesmal private Gedanken und Gefühle von sich, und ich griff manchmal spontan im Fluss seiner Bemerkungen Dinge auf, die mir wichtig erschienen. Mit einfachen tanztherapeutischen Elementen und mit kurzen Einheiten Authentic Movement konnte er noch einen anderen, tieferen Einblick in seine aktuelle Seelenlandschaft gewinnen. Auch in die Bereiche, die jenseits von Worten lagen.


Ich war nicht erstaunt zu sehen, wie sehr er sich nach seiner eigenen Weichheit, auch in der Begegnung mit anderen sehnte. Ich erlebte mit der Zeit immer öfter seine einfühlsame Seite, die sich berühren ließ. Seine Gesichtszüge und sein Blick entspannten sich mit mehr Übung. Seine Selbst-Wahrnehmung hatte sich verbessert und er übte das Herunterfahren der gezeigten Wehrhaftigkeit, wann immer er im Alltag daran dachte.


All das floss dann natürlich wiederum in den Tango mit ein, konnte in der Begegnung mit mir bewusster werden und bekam direkte Unterstützung.


Diese Mischung von Gespräch, tanztherapeutischen Elementen, und Tango haben wir bis heute beibehalten.


Wir haben für ihn auch Solo-Gongsessions eingeführt. Dies fördert das Erleben von Einheit, die Integration des Gelernten und tiefe Regeneration.


 

Wenn Dich solche Tango-Themen interessieren: weitere Einblick in die spannende Vielfalt meiner Arbeit erfährst Du in kommenden Blogeinträgen.

Kommentare und Fragen sind willkommen!

Schreib mir dazu einfach an mail@rotraut-rumbaum.de