Rotraut Rumbaum
Mindful Motion
Was der Körper weiß, bevor wir denken
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Letzte Woche in einer Sitzung: Eine Klientin erzählt mir von einem Streit mit ihrer Schwester. Sachlich gesehen war es nichts Großes, ein Missverständnis am Telefon. Aber während sie davon erzählt, legt sie die Hand auf ihren Brustkorb und sagt: "Da war sofort so ein Druck, noch bevor ich überhaupt verstanden habe, was sie meint."
Genau das ist der Moment, um den es mir hier geht. Der Körper hat schon reagiert, bevor der Kopf überhaupt eingestiegen ist.
Wie das funktioniert
Unser Gehirn verarbeitet ständig Sinneseindrücke, und zwar über ein System, das viel älter ist als unser bewusstes Denken. Die Amygdala, unser Frühwarnsystem, entscheidet innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde, ob eine Situation bedrohlich sein könnte. Dabei greift sie auf gespeicherte Erfahrungen zurück und löst, wenn nötig, körperliche Reaktionen aus: erhöhter Puls, Anspannung, flacher Atem. Das alles passiert, bevor unser Verstand auch nur eine Sekunde Zeit hatte, die Situation einzuordnen.
Das ist kein Fehler im System. In einer echten Gefahrensituation wäre es zu langsam, erst nachzudenken und dann zu reagieren. Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, schnell zu sein, und das ist es auch.
Warum das zum Problem wird
Schwierig wird es, wenn diese schnelle Reaktion auf alten Erfahrungen basiert, die mit der aktuellen Situation wenig zu tun haben. Die Klientin, die den Druck auf der Brust spürt, reagiert nicht auf den Satz ihrer Schwester. Ihr Körper reagiert auf etwas viel Älteres, auf eine Erfahrung, die irgendwann in der Kindheit gespeichert wurde und die besagt: Wenn jemand so mit mir spricht, bin ich in Gefahr.
Das Perfide daran: Mit Willenskraft oder positiven Gedanken lässt sich das kaum beeinflussen. Die Amygdala bleibt davon ziemlich unbeeindruckt, weil sie gar nicht über den Verstand erreichbar ist. Wer schon mal versucht hat, sich in einem aufgewühlten Moment einfach zu beruhigen, weiß, wie wenig das funktioniert.
Was stattdessen hilft
Was die Amygdala erreicht, ist spürendes Gewahrsein. Wenn wir wahrnehmen können, was im Körper passiert, ohne sofort darauf zu reagieren oder es wegdrücken zu wollen, dann verändert sich etwas. Das Nervensystem bekommt eine neue Information: Ich spüre die Anspannung, und es ist trotzdem gerade sicher hier.
Das klingt einfach, ist es aber oft nicht. Gerade wenn die alten Erfahrungen sehr früh entstanden sind, braucht es einen Rahmen, in dem diese Erkundung möglich wird, manchmal eine therapeutische Begleitung, die mitspürt und dabei hilft, im Hier und Jetzt verankert zu bleiben.
Was das mit meiner Arbeit zu tun hat
In NARM und besonders in NARM Touch arbeite ich genau an dieser Schnittstelle. Viele Muster zeigen sich im Körper, bevor sie ins Bewusstsein kommen: die leichte Anspannung im Kiefer, das Halten des Atems, das subtile Zurückweichen, wenn jemand zu nah kommt. In der Arbeit mit Berührung kann ich mit dem Körper direkt in Kontakt gehen und ihm eine neue Erfahrung anbieten, die über das Gespräch allein oft schwer zu erreichen ist.
Die Klientin mit dem Druck auf der Brust hat das nach einigen Sitzungen so beschrieben: "Ich merke den Druck jetzt früher. Und ich weiß, dass er zu etwas Altem gehört. Das verändert alles, weil ich dann eine Wahl habe."
Mehr Wahl zu haben, darum geht es im Kern.
Häufige Fragen
Kann ich meine Körperreaktionen bewusst steuern?
Direkt steuern, also per Willenskraft, funktioniert kaum. Was funktioniert, ist, sie bewusst wahrzunehmen und mit offenem Interesse zu erkunden. Das verändert über die Zeit die Art, wie dein Körper auf bestimmte Situationen reagiert.
Muss man dafür Körperarbeit machen, oder reicht Gesprächstherapie?
Beides hat seinen Wert. Was ich erlebe: Wenn Muster sich vor allem körperlich zeigen, wenn also jemand zum Beispiel ständig verspannt ist oder in bestimmten Situationen den Atem anhält, dann kann Körperarbeit einen Zugang eröffnen, den das Gespräch allein manchmal nicht findet.
Wie merke ich, dass mein Körper auf etwas Altes reagiert?
Ein guter Hinweis ist, wenn die Intensität deiner Reaktion nicht zur aktuellen Situation passt. Wenn du bei einer kleinen Kritik zusammenzuckst, als wärst du angegriffen worden. Oder wenn du in Momenten, die eigentlich schön sein könnten, plötzlich Enge spürst.
Weiterführende Seiten:
→ Warum Nähe manchmal bedrohlich wirkt
→ Wie ich arbeite
→ Erstgespräch vereinbaren
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