1. Das Lebensgefühl: Oben auf der Welt (und einsam an der Spitze)
Menschen in diesem Stil präsentieren sich oft als die Macher, Visionäre und Imperienbauer. Ihr Lebensgefühl ist geprägt von dem Motto: „Das Leben ist ein Dschungel – nur der Stärkste überlebt“. Sie fühlen sich sicher, solange sie die Kontrolle haben, erfolgreich sind und ein überlebensgroßes Image aufrechterhalten. Doch unter dieser grandiosen Fassade („On Top of the World“) verbirgt sich eine tiefe innere Leere und das quälende Wissen, eine Art „Lüge“ zu leben, da das wahre, verletzliche Selbst hinter der Maske verborgen bleibt.
2. Die kindliche Blaupause: Belohnt für den Verrat
Rotraut sieht diesen Stil oft bei Menschen, deren frühe Abhängigkeit und Bindungsbedürfnisse von den Eltern manipuliert oder instrumentalisiert wurden.
Das Kind als Monument: Die Eltern waren oft selbst narzisstisch oder bedürftig und nutzten das Kind, um ihr eigenes wackeliges Selbstwertgefühl zu stützen (z. B. die „Bühnenmutter“ oder der „Fußballvater“).
Der Preis der Liebe: Das Kind lernte früh: „Ich werde nur geliebt, wenn ich funktioniere und die Träume meiner Eltern erfülle“. Es wurde dafür belohnt, sein authentisches Selbst zu verraten. Vertrauen wurde so untrennbar mit der Erfahrung verknüpft, benutzt und betrogen zu werden.
3. Die Dynamik im Raum: Verführung und Machtkampf
In der Therapie begegnet dieser Stil Rotraut auf eine sehr spezifische, oft herausfordernde Weise:
Das Auschecken des Gegenübers: Der Klient scannt Rotraut sofort nach Schwächen ab, um in der Überlegenheitsposition zu bleiben.
Der „Guru“-Modus: Viele dieser Klienten (oft selbst Coaches oder Führungskräfte) neigen dazu, sich in die Expertenrolle zu flüchten oder Rotraut zu idealisieren, um einen echten, verletzlichen Kontakt zu vermeiden.
Das Chamäleon: Der „verführerische Untertyp“ kann extrem charmant sein und genau das sagen, was Rotraut hören möchte, um sie „einzuwickeln“ und die Kontrolle über den therapeutischen Prozess zu behalten. Man fühlt sich als Therapeut dann oft merkwürdig unsicher oder „klein“ gemacht.
4. Somatische Marker: Der aufgeblasene Panzer
Der Körper spiegelt den Kampf um Dominanz und den Schutz des Herzens wider:
Der aufgeblasene Brustkorb: Ein harter, oft wie aufgepumpt wirkender Oberkörper dient dazu, Gefühle von Kleinheit und Hilflosigkeit zu überdecken.
Die Herz-Panzerung: Der Brustkorb ist fest, um das Herz zu umschließen und es vor Zärtlichkeit und Verletzlichkeit zu schützen.
Instabile Basis: Während der Oberkörper machtvoll wirkt, sind das Becken und die Beine oft dünn, kraftlos oder energetisch „abgeschnitten“ – es fehlt der reale Bodenkontakt und die Erdung.
Fixierter Blick: Die Augen können starr und fokussiert sein, als würden sie sich am Gegenüber „festhalten“ oder es kontrollieren wollen.
5. Der Weg zur Heilung: Die Stärke der Verletzlichkeit
Heilung bedeutet bei Rotraut den schmerzhaften, aber befreienden Abstieg von der Maske zum „M-ICH“.
Vom Handel zum Kontakt: Der Klient lernt, dass Beziehung kein Geschäft sein muss („Ich liefere, du liebst mich“), sondern ein Raum für echte Subjektivität sein kann.
Würdigung der Ohnmacht: Ein Wendepunkt ist erreicht, wenn der Klient den Mut aufbringt, sich seiner tiefen Hilflosigkeit und dem Schmerz des Verrats zu stellen, ohne sofort wieder in die Kompensation (Wut oder Macht) zu flüchten.
Gesunde Abhängigkeit: Das Ziel ist die Erlaubnis, Hilfe anzunehmen und sich auf eine gesunde, wechselseitige Abhängigkeit einzulassen, ohne sich dabei ausgeliefert zu fühlen.
Zusammenfassend ist die Arbeit mit dem Vertrauens-Stil eine Einladung, den „Kartenhausturm“ des Erfolgs zu verlassen, um auf dem festen Boden der eigenen Menschlichkeit anzukommen. Erfolg zeigt sich hier, wenn die „überlebensgroße“ Identität abfällt und die wahre Stärke darin entdeckt wird, einfach nur menschlich und berührbar zu sein