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Rotraut Rumbaum

Tango & Psyche


Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen.  Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.

Führen und Folgen – Die Kunst der Einstimmung

Wenn wir über Führen und Folgen sprechen, dann meinen wir ja auf der einen Ebene: Jemand gibt einen Impuls, und jemand antwortet darauf. Ganz praktisch. Aber wenn wir genauer hinschauen – und das ist mir wichtig – dann geht es um etwas viel Grundlegenderes. Es geht um Einstimmung. Um die Fähigkeit, sich aufeinander einzuschwingen.


Also, was passiert da eigentlich? Die führende Person gibt einen Impuls – nicht als Befehl, sondern als Einladung. Und die folgende Person spürt diesen Impuls und antwortet darauf. Und dann, und das ist vielleicht das Spannende, entsteht ein Dialog. Ein Gespräch ohne Worte, könnte man sagen. Ein gegenseitiges Erkunden.


Und jetzt kommt etwas aus der Entwicklungspsychologie ins Spiel. Wir wissen heute, dass Kinder in den ersten Lebensmonaten und -jahren etwas ganz Grundlegendes brauchen: Sie brauchen jemanden, der sich auf sie einstimmt. Der ihre Signale liest. Der spürt: Ach, jetzt braucht das Kind Nähe, oder: Jetzt braucht es Raum. Diese Einstimmung ist wie ein unsichtbares Band, das Sicherheit gibt.


Und wenn diese Einstimmung nicht da war, oder nur manchmal, oder in einem Rhythmus, der nicht zu uns gepasst hat – dann lernen wir vielleicht etwas anderes. Vielleicht lernen wir: Ich muss mich mehr anpassen. Ich muss die Bedürfnisse des anderen vor meine eigenen stellen. Oder wir lernen möglicherweise auch: Ich kann niemandem vertrauen, ich muss alles selbst kontrollieren.


Wobei – und das finde ich bemerkenswert – im Tango haben wir die Chance, neue Erfahrungen zu machen.


Wenn wir folgen, können wir erkunden:


  • Kann ich mich hingeben, ohne mich zu verlieren?

  • Kann ich auf jemanden antworten, ohne mich aufzugeben?


Und wenn wir führen, können wir erkunden:


  • Kann ich Impulse geben, die klar sind, aber nicht kontrollierend?

  • Kann ich Raum lassen für die Antwort des anderen?


Das ist, mehr oder weniger, eine Art Übungsfeld. Ein Labor, wenn man so will. Wir können spielerisch erforschen, was es braucht, damit Einstimmung gelingt. Und manchmal merken wir dabei: Ach, hier ist eine alte Angst. Hier ist ein Muster, das sich wiederholt. Auch das ist völlig okay. Es ist einfach eine Information.


Genau, also was ich damit sagen will: Einstimmung ist nicht etwas, das wir verkörpern, es ist nicht nur eine Technik. Etwas, das in unserem Nervensystem geschieht, und der Tango bietet uns die Möglichkeit, diese Fähigkeit durch Erleben zu stärken.


Und vielleicht – vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht bei jedem Tanz, aber irgendwann – kann es sein, dass wir spüren: Ah, ich kann gleichzeitig bei mir sein und beim anderen. Ich kann aufmerksam sein für die Impulse, die kommen, und gleichzeitig verbunden bleiben mit meinem eigenen inneren Kompass. Das ist eine Balance, die sich nach und nach entwickeln kann.


Was mir noch wichtig ist zu sagen: Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht nicht darum, immer alles richtig zu machen. Es geht darum, präsent zu sein. Darum, im Moment zu bleiben, auch wenn es holprig wird. Und gerade diese Momente, wo es nicht glatt läuft, können uns so viel lehren über uns selbst und über Beziehung.

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