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Rotraut Rumbaum

Tango & Psyche


Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen.  Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.

Intersubjektivität – Die Begegnung im Zwischen

Intersubjektivität - "Die Begegnung im Zwischen". Im Tango wird das oft ganz greifbar. Da sind zwei Menschen in einer Umarmung. Und wenn es wirklich gut ist, dann entsteht da etwas, das mehr ist als die Summe der beiden. Ein gemeinsamer Raum, eine gemeinsame Qualität. Manche Menschen beschreiben das als Flow, andere als Verschmelzung, wieder andere als tiefe Verbundenheit.


In NARM ist genau das ein zentraler Aspekt. Wir arbeiten mit der Idee, dass Heilung in Beziehung geschieht. Nicht durch Beziehung im Sinne von: Der Therapeut macht etwas mit dem Klienten. Sondern in der Begegnung, im intersubjektiven Raum, der zwischen beiden entsteht.


Und jetzt wird es interessant: Für viele Menschen ist genau das gleichzeitig die tiefste Sehnsucht und die größte Angst. Die Sehnsucht nach wirklicher Begegnung, nach gesehen werden, nach Verbundenheit – das ist etwas zutiefst Menschliches. Aber gleichzeitig kann das auch sehr bedrohlich sein. Weil wenn ich wirklich gesehen werde, dann bin ich auch verletzlich. Dann kann ich nicht mehr kontrollieren, welches Bild der andere von mir hat.


Im Tango zeigt sich das oft dadurch, dass Menschen zwar in der Umarmung sind, aber nicht wirklich ankommen. Es gibt so eine Art innere Barriere. Oder sie kommen an, und dann wird es schnell zu viel, und sie ziehen sich wieder zurück.


Intersubjektivität bedeutet ja, dass beide Subjekte sind. Beide sind aktiv am Prozess beteiligt. Es ist kein Einseitiges. Im Tango heißt das: Ich bringe mich ein und nehme gleichzeitig wahr, was der andere einbringt. Und aus diesem Zusammenspiel entsteht dann etwas Drittes – der Tanz.


In der therapeutischen Arbeit, aber auch im Coaching, ist das genauso. Es geht nicht darum, dass ich als Begleiterin jemanden repariere oder ihm sage, was er tun soll. Sondern wir erkunden gemeinsam. Ich bringe meine Wahrnehmung ein, meine Fragen, meine Resonanz – und der andere bringt sein Erleben ein. Und in diesem gemeinsamen Raum kann dann etwas Neues entstehen.


Wobei, das ist nicht immer angenehm. Manchmal zeigen sich da auch alte Muster. Vielleicht erlebe ich Misstrauen – kann ich mich wirklich auf diese Begegnung einlassen? Oder ich merke, dass ich mich zurückziehe, sobald es intim wird. Oder dass ich versuche, den Prozess zu kontrollieren, weil Offenheit sich zu unsicher anfühlt.


Das ist alles völlig verständlich. Wenn wir in unserer frühen Entwicklung erlebt haben, dass Begegnung nicht sicher war – dass wir vielleicht nicht wirklich gesehen wurden, oder dass unsere Bedürfnisse nicht wichtig waren, oder dass wir uns anpassen mussten, um geliebt zu werden – dann entwickeln wir natürlich Schutzstrategien. Und die zeigen sich dann auch in der Art, wie wir in Beziehung gehen.


Meine Einladung ist es, diese Muster zu erkunden. Nicht zu bewerten, nicht zu bekämpfen, sondern neugierig zu schauen: Was passiert da eigentlich? Was macht es mit mir, wenn jemand wirklich präsent ist für mich? Kann ich das aushalten? Und wenn nicht – was bräuchte ich, um mich sicherer zu fühlen?


Im Tango haben wir den Vorteil, dass wir das körperlich spüren können. Die Qualität der Umarmung verändert sich, je nachdem, wie präsent und offen beide sind. Manchmal reicht schon ein kleines Loslassen, ein kleines Mehr an Vertrauen, und plötzlich wird die Begegnung tiefer.


Intersubjektivität lädt uns also ein, sowohl bei uns selbst zu sein als auch beim anderen – gleichzeitig. Das ist nicht einfach, und es braucht Übung. Aber es ist auch etwas unglaublich Erfüllendes. Weil wenn wir uns wirklich begegnen können, dann erleben wir uns selbst auch tiefer. Im Kontakt mit dem anderen komme ich mehr bei mir an – das klingt paradox, aber genau so funktioniert es.


Vielleicht magst du ja mal schauen: Wo in deinem Leben gibt es Momente von wirklicher Begegnung? Und wo merkst du, dass du noch eine Barriere spürst? Was wäre nötig, um diese ein kleines Stück zu lockern?

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