Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Körperspannung und Tonus im Tanz
Wenn wir tanzen, zeigt sich unser innerer Zustand auch körperlich. Besonders im Tonus – in der Qualität unserer Muskelspannung. Und das ist etwas, was uns oft gar nicht so bewusst ist, aber sehr viel aussagt.
Es gibt im Grunde zwei Extreme, die beide mit frühen Erfahrungen zu tun haben können.
Das eine ist das Sich-Wappnen – eine erhöhte Grundspannung. Der Körper ist angespannt, manchmal bis in die Schultern, den Nacken, den Kiefer. Als würde er sagen: Ich muss mich schützen, ich muss bereit sein, ich darf nicht loslassen.
Das andere Extrem ist das Kollabieren – ein zu niedriger Tonus. Der Körper gibt nach, wirkt vielleicht schlaff oder energielos. Als würde er sagen: Ich gebe auf, ich kann nicht, es ist zu viel.
Beides sind Reaktionen auf Stress oder Überforderung. Und beide haben ihren Ursprung oft in frühen Lebensphasen. Vielleicht musste ich mich als Kind viel schützen, war viel auf der Hut. Dann habe ich gelernt, meinen Körper anzuspannen, um bereit zu sein. Oder vielleicht war ich überfordert, hatte keine Unterstützung, und habe gelernt zu kollabieren, weil Widerstand eh keinen Sinn hatte.
Im Tango wird das sehr deutlich. Weil wir hier eine Qualität von Spannung brauchen, die lebendig ist. Eine Spannung ist irgendwo in der Mitte zwischen zu viel und zu wenig, präsent und starr, . Die präsent ist, aber nicht starr, Halt gebend aber nicht einschränkend.
Man nennt das auch psychobiologische Regulation. Unser Nervensystem reguliert sich über den Körper. Und der Tonus ist ein direkter Ausdruck davon, wie es uns gerade geht.
Das Interessante ist: Wir können über den Körper auch wieder Zugang finden zu einer gesünderen Regulation. Wenn ich lerne, meinen Tonus bewusst wahrzunehmen – wo bin ich angespannt? Wo kollabiere ich? – dann kann ich auch beginnen, das zu verändern.
Im Tango machen wir das ganz praktisch. Vielleicht experimentiere ich damit, ein bisschen loszulassen in den Schultern, während ich trotzdem die Verbindung zum Boden behalte. Oder ich versuche, mehr Halt in meiner Mitte zu finden, wenn ich merke, dass ich kollabiere.
Das ist nicht einfach, weil diese Muster oft sehr alt sind und sehr automatisch ablaufen. Aber es ist möglich. Und der Tango ist ein wunderbarer Ort dafür, weil er uns ständig Feedback gibt. Ich spüre sofort: Wenn ich zu angespannt bin, wird die Verbindung starr. Wenn ich zu wenig Tonus habe, verliere ich mich.
Das ist somatische Achtsamkeit in Aktion. Ich lerne, meinen Körper zu spüren, zu verstehen, was er mir sagt. Und ich lerne, dass ich Einfluss nehmen kann. Dass ich nicht meinem alten Muster ausgeliefert bin.
Manchmal braucht es Zeit. Manchmal sind die Veränderungen ganz klein und subtil. Aber selbst kleine Veränderungen im Tonus können einen großen Unterschied machen. Für den Tanz, aber auch für das eigene Wohlbefinden.
Weil wenn ich meinen Körper anders organisieren kann, fühle ich mich auch anders. Weniger angespannt, weniger erschöpft und m mehr präsent, mehr lebendig.