Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Präsenz im Tanz – Hier und Jetzt
Präsenz – das ist so ein Wort, das man oft hört im Tango. "Sei präsent", "bleib im Moment". Aber was bedeutet das eigentlich?
Für mich hat Präsenz viel damit zu tun, wirklich da zu sein. Mit meinem Körper, mit meiner Aufmerksamkeit, mit meinem Spüren. Nicht in Gedanken versunken, nicht in Sorgen oder Plänen, sondern hier, jetzt, in diesem Schritt, in dieser Berührung, in diesem Moment mit diesem Menschen.
Das klingt vielleicht einfach, aber es ist tatsächlich eine Fähigkeit, die wir entwickeln können – oder müssen. Viele von uns haben gelernt, nicht ganz da zu sein. Vielleicht weil es in bestimmten Situationen unserer Geschichte besser war, innerlich woanders zu sein. Als Kind, wenn etwas zu überwältigend war, wenn etwas zu viel war, dann haben wir vielleicht gelernt: Ich gehe ein bisschen raus, ich dissoziiere, ich bin nicht ganz hier.
Das ist ein Schutzmechanismus, der uns damals geholfen hat. Aber im Tango – und auch sonst im Leben – kann er uns im Weg stehen. Weil wenn ich nicht ganz da bin, kann ich auch nicht wirklich tanzen. Dann bin ich vielleicht mechanisch präzise, aber es fehlt die Lebendigkeit, die Verbindung.
Präsenz im Tango beginnt oft mit ganz einfachen Dingen. Spüre ich meine Füße am Boden? Spüre ich mein Gewicht? Spüre ich meinen Atem? Das sind so körperliche Anker, die mich ins Hier und Jetzt bringen.
Und dann geht es weiter: Kann ich den Kontakt zum anderen spüren, ohne mich darin zu verlieren? Kann ich die Musik hören und gleichzeitig bei mir bleiben? Kann ich wahrnehmen, was gerade passiert, ohne schon drei Schritte voraus zu denken?
Das ist somatische Achtsamkeit. Es ist diese Fähigkeit, im eigenen Körper zu sein und von dort aus zu handeln, zu tanzen, zu reagieren. Nicht aus dem Kopf heraus, nicht aus alten Mustern heraus, sondern aus dem gegenwärtigen Moment.
Was ich immer wieder erlebe: Wenn Menschen lernen, präsenter zu sein im Tango, verändert sich etwas Grundlegendes. Der Tanz wird lebendiger, echter. Und oft merken sie auch, dass sich das auf andere Bereiche ihres Lebens überträgt. Dass sie auch im Alltag mehr da sein können, mehr spüren, mehr wahrnehmen.
Es ist ein Prozess. Manchmal bin ich da, manchmal rutsche ich raus. Manchmal ist es leichter, manchmal schwieriger. Aber allein das Wissen, dass Präsenz etwas ist, was ich kultivieren kann, das hilft schon.
Und der Tango ist ein wunderbarer Übungsraum dafür. Weil er mich immer wieder einlädt: Komm zurück, sei hier, spür das jetzt. Nicht in drei Schritten, nicht vor fünf Minuten. Jetzt.