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Rotraut Rumbaum

Tango & Psyche


Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen.  Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.

Schamgefühle beim Tanzen

Scham – das ist so ein Thema, über das wir oft nicht gerne sprechen. Und vielleicht gerade deswegen ist es wichtig, es mal anzuschauen.


Im Tango kann Scham auf ganz unterschiedliche Weise auftauchen. Vielleicht mache ich einen Fehler, stolpere, verliere das Gleichgewicht. Oder ich kann eine Figur nicht, die andere scheinbar mühelos beherrschen. Und plötzlich ist da dieses Gefühl: Ich bin nicht gut genug. Ich bin falsch. Alle sehen, dass ich es nicht kann.


Das ist mehr als nur Verlegenheit oder Unsicherheit. Scham hat eine ganz besondere Qualität. Sie zieht sich durch den ganzen Körper. Vielleicht wird mir heiß, ich möchte mich am liebsten unsichtbar machen, der Blick geht nach unten. Es ist, als würde ich in diesem Moment klein und ausgeliefert.


Interessanterweise hat Scham oft sehr tiefe Wurzeln. Sie entsteht häufig in frühen Erfahrungen von Beschämung oder Entwertung. Vielleicht wurde ich als Kind ausgelacht, wenn ich etwas nicht konnte. Vielleicht gab es Situationen, wo ich das Gefühl hatte: So wie ich bin, bin ich nicht richtig. Ich muss mich verändern, mich anpassen, perfekt sein, um okay zu sein.


Und diese alten Erfahrungen können im Tango wieder aktiviert werden. Der Tanz wird dann zu einem Feld, wo diese Scham wieder auftaucht. Nicht weil der Tango an sich beschämend ist, sondern weil er Situationen schafft, die alte Muster triggern können.


Im Tango können wir lernen, anders mit Scham umzugehen. Erstmal sie überhaupt wahrzunehmen: Aha, da ist Scham. Das ist schon ein großer Schritt. Dann vielleicht zu erkunden: Was genau löst sie aus? Ist es wirklich das Stolpern? Oder ist es mehr die Vorstellung, dass andere mich bewerten?


Und dann können wir neue Erfahrungen machen. Vielleicht merke ich: Ich kann einen Fehler machen und die Welt geht nicht unter. Mein Tanzpartner lächelt vielleicht, wir machen weiter. Niemand urteilt so hart wie ich selbst über mich.


Das ist keine schnelle Lösung. Scham ist hartnäckig. Aber mit jeder neuen Erfahrung – dass ich trotz Fehler okay bin, dass ich gesehen werde mit meinen Schwächen und trotzdem willkommen bin – kann sich etwas verändern.


Manchmal hilft es auch zu verstehen: Perfektion ist nicht das Ziel. Im Tango geht es nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht um Verbindung, um Lebendigkeit, um das Teilen eines Moments. Und in diesem Moment darf ich auch unperfekt sein.


Wenn wir Scham weniger Raum geben, öffnet sich etwas anderes. Vielleicht eine Leichtigkeit, eine Verspieltheit. Die Freude am Tanz selbst, nicht an der Performance. Und das ist eigentlich das, worum es geht.

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