Ein Mann kommt zu mir, weil er abends trinkt. Nicht viel, sagt er, aber regelmäßig. Er weiß, dass es nicht gut ist. Er hat es schon oft versucht zu lassen. Was er nicht weiß: Warum er es braucht. Was genau er damit reguliert.
Sucht ist eine Antwort auf etwas, das sich sonst nicht regulieren lässt. Alkohol, Pornografie, Essen, Arbeit, Sport, Bildschirme. Die Form variiert, die Funktion ist oft dieselbe: Sie bringen kurzfristig in einen Zustand, den das System alleine nicht erreicht. Schläfrigkeit, wenn die innere Anspannung nicht nachlässt. Taubheit, wenn Gefühle zu groß werden. Erregung, wenn ein grauer Alltag keinen anderen Ausweg zeigt.
Das macht Sucht nicht zur Charakterfrage, sondern zur Kapazitätsfrage. Was hat dieser Mensch gelernt, mit unerträglichen Zuständen umzugehen? Was gab es früher nicht, das jetzt möglich sein könnte? Die Arbeit beginnt nicht mit dem Aufhören, sondern mit dem Verstehen, wofür das Verhalten gut war.
Sucht und emotionale Regulation
Wenn der Druck zu groß wird. Oder die innere Leere sich zu bedrohlich anfühlt. Vielleicht hast du Angst, von Gefühlen oder etwas Namenlosen, für das du nicht einaml Worte hast, überwältigt zu werden. Wenn der Griff zu einer Substanz, einer Gewohnheit, einer Routine-Betäubung zur Gewohnheit geworden ist, aber eigentlich nicht mit dem, was du dir in der Tiefe für dich wünscht vereinbar ist. Du schenkst dir abends das erste Glas ein, dann das zweite. Es ist nicht wirklich Genuss. Sondern irgendetwas unter der Oberfläche wird lauter, unangenehmer, sobald der Tag zu Ende geht. Oder in bestimmten Situationen. Alkohol ist vielleicht für dich einfach der schnellste Weg, das leiser zu bekommen und aushaltbar zu machen. Vielleicht ist es bei dir nicht der Alkohol, sondern das Handy, das du schon in der Hand hast, bevor du registrierst, dass deine Hand danach gegriffen hat. Da ist eine Unruhe in dir. Und der Griff zu Substanzen, Pornos oder zu deiner spezifischen Verhaltens-Routine kommt schneller als du bewusst dagegen steuern kannst. Erst hinterher merkst du, dass du wieder drin warst, in deinem inneren, frustrierenden Hamsterrad. Du schämst dich insgeheim dafür, dich nicht besser im Griff zu haben. Und diese Scham erzeugt erneut genau den Druck, den du gerade loswerden wolltest. Du kennst diesen Kreislauf vielleicht schon lange und schaust dir irgendwie hilflos weiter dabei zu.
Warum kann ich aufhören wollen, aber nicht aufhören?
Alkohol, Sex, der Kühlschrank nachts um zwei Uhr, die "Sucht" nach Liebe - hier kann vieles auftauchen
Warum schwanken meine Gefühle so stark und so schnell?
Stimmungen verändern sich schnell, von präsent zu verloren oder depressiv, ohne dass es wirklich durch Äußeres erkärbar ist.
Warum fühle ich mich nur in Ausnahmezuständen wirklich lebendig?
Man möchte wieder dorthin zurück, wo man bestimmte Zustände der Lebendigkeit und Expansion erlebt hat. Der Alltag wird als schwierig empfunden, oder als nicht ausfüllend. Das kann Meditation sein oder Substanzen oder körperliche Herausforderungen.