Rotraut Rumbaum
Tango & Psyche
Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Autonomie und Verbindung imn Tango und Leben
Heute möchte ich über etwas sprechen, was im Tango manchmal paradox erscheint: Wir sind so eng miteinander verbunden, Herz an Herz, und gleichzeitig brauchen wir unsere eigene Achse. Unsere Autonomie. Und das ist eigentlich etwas ganz Zentrales, nicht nur für den Tanz.
Wenn wir an kleine Kinder denken, dann erleben die ja ganz früh schon dieses Spannungsfeld. Auf der einen Seite das Bedürfnis nach Nähe, nach Geborgenheit, nach Verbundenheit. Und auf der anderen Seite auch das Bedürfnis, selber zu sein, selber zu entscheiden, den eigenen Willen zu haben. Das berühmte Nein mit zwei Jahren, das ist ja genau dieser Ausdruck von: Ich bin jemand. Ich habe was zu sagen.
Und manche Menschen haben in ihrer Kindheit vielleicht die Erfahrung gemacht, dass das nicht so gut zusammenging. Also dass wenn ich zu eigenständig war, wenn ich zu sehr ich selbst war, dann hat das die Verbindung gefährdet.
Oder umgekehrt: Wenn ich zu sehr in der Verbindung war, dann habe ich mich selbst verloren. Das ist ein Dilemma, mit dem viele von uns groß geworden sind.
Und das begegnet uns dann auch im Tango. Denn da haben wir ja diese enge Umarmung und Nähe im Körperkontakt. Und gleichzeitig brauche ich meine eigene Stabilität. Ich brauche meine eigene Erdung, meinen eigenen Schwerpunkt. Wenn ich das aufgebe, wenn ich mich zu sehr an den Partner lehne oder wenn ich mich zu sehr zurücknehme, dann funktioniert der Tanz nicht richtig.
Es ist ein bisschen so: Ich kann nur wirklich in Verbindung sein, wenn ich auch mit mir selbst verbunden bin.
Das ist keine Entweder-Oder-Geschichte, sondern ein Sowohl-als-Auch. Und das ist manchmal gar nicht so einfach auszubalancieren.
Vielleicht kennt ihr das auch, dass ihr im Tanz manchmal zu viel übernehmt. Oder dass ihr euch zu sehr anpasst. Oder dass ihr umgekehrt so auf euch selbst fokussiert seid, dass die Verbindung ein bisschen verloren geht. Das ist total normal. Das sind einfach Muster, die wir vielleicht früh gelernt haben.
Aber das Schöne ist ja, dass wir das im Tango auch anders erleben können. Wir können üben, beides zu halten: Die Verbindung und die Eigenständigkeit. Also zu spüren: Ja, ich bin hier, ich stehe stabil, ich habe meinen eigenen Raum. Und gleichzeitig bin ich offen für die Begegnung, für das Gemeinsame.
Das ist auch eine Form von Selbstermächtigung. Zu merken: Ich kann Nein sagen, ich kann meine Grenzen wahren, ich kann meine eigenen Impulse spüren und ihnen folgen – und trotzdem in Beziehung sein. Das schließt sich nicht aus.
Und vielleicht ist das ja auch eine Einladung, das nicht nur im Tango, sondern auch im restlichen Leben zu erkunden. Wo verliere ich mich vielleicht manchmal? Wo passe ich mich an, obwohl es mir nicht gut tut? Und wo könnte ich mehr bei mir bleiben, ohne die Verbindung aufzugeben?