Rotraut Rumbaum
Tango & Psyche
Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Beziehungsdynamik im Tanzpaar
Der Tango ist ja in gewisser Weise ein Labor für Beziehung. Ein Mikrokosmos von all dem, was auch in unseren anderen Beziehungen passiert – nur dass es hier in sehr kurzer Zeit und sehr körperlich sichtbar wird.
Wenn wir zu zweit tanzen, entsteht ein interaktives Feld. Es ist nicht mehr nur ich und nicht mehr nur du. Aus der gemeinsamen Bewegung und Beziehung im Moment entsteht etwas Drittes .
Und in diesem Feld zeigen sich Dinge. Wie gehe ich in Kontakt? Bin ich eher zurückhaltend oder eher dominant? Passe ich mich stark an oder bestehe ich auf meinem Weg? Kann ich mit Unterschieden umgehen oder wird das schwierig für mich?
Hier zeigen sich die Muster, die wir gelernt haben. Oft sehr früh, in unseren ersten Beziehungen. Und die sich dann wiederholen, auch im Tango.
Ein zentrales Thema, das da auftauchen kann, ist das, was man in NARM das Kerndilemma nennt: Wie kann ich authentisch ich selbst sein und gleichzeitig in Verbindung bleiben? Muss ich mich anpassen, um gemocht zu werden? Oder muss ich mich abgrenzen, um ich selbst zu sein?
Im Tango kann man das ganz direkt erleben. Vielleicht tanze ich mit jemandem und merke: Ich verliere mich da total, ich bin nur noch beim anderen, ich spüre mich selbst kaum noch. Oder umgekehrt: Ich bin so sehr bei mir, dass ich den anderen gar nicht mehr wahrnehme.
Beides sind Zeichen dafür, dass dieses Gleichgewicht noch nicht ganz gefunden ist. Dass es mir noch schwerfällt, gleichzeitig verbunden und autonom zu sein.
Was mich am Tango so fasziniert: Er gibt uns die Möglichkeit, das zu üben, und zwar nicht theoretisch, sondern ganz praktisch.
Kann ich in der Umarmung sein und trotzdem meine eigene Achse behalten?
Kann ich dem anderen folgen und trotzdem bei mir bleiben?
Kann ich führen, ohne den anderen zu dominieren?
Das sind alles Fähigkeiten, die wir entwickeln können. Und oft verändert sich dadurch auch etwas in anderen Beziehungen. Weil wir lernen: Ich muss mich nicht aufgeben, um verbunden zu sein. Und ich muss mich nicht unnötog abgrenzen, um ich selbst zu sein.
Es gibt auch Übertragungsphänomene in den Tango hinein. Das bedeutet: Ich reagiere auf meinen Tanzpartner vielleicht so, als wäre er jemand aus meiner Vergangenheit. Vielleicht erinnert mich seine Art zu führen an jemanden, der früher kontrollierend war. Und dann reagiere ich mit Widerstand oder Rückzug, obwohl die Person im Hier und Jetzt vielleicht ganz anders ist.
Das zu erkennen ist schon ein großer Schritt. Zu merken: Aha, das ist eine alte Reaktion. Das hat vielleicht gar nicht so viel mit dem zu tun, was jetzt gerade passiert.
Der Tango ist eben kein neutraler Raum. Der Tango aktiviert uns. Und gerade dadurch kann er auch heilsam sein. Weil wir in einem sicheren Rahmen – es ist ja nur ein Tanz – neue Erfahrungen machen können und neues probieren.