Rotraut Rumbaum
Tango & Psyche
Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Einstimmung auf den Partner
Einstimmung – oder auf Englisch "Attunement" – ist eines dieser Konzepte, die sich schwer in Worte fassen lassen, aber im Tango ganz direkt erlebbar werden.
Es geht darum, auf die Impulse, die Stimmung, die Energie des anderen eingestimmt zu sein. Zu spüren: Wo ist der andere gerade? Wie bewegt er sich? Was braucht er vielleicht gerade?
Es ist eher sein körperliches Mitschwingen als eine intellektuelle Leistung. Als würden zwei Stimmgabeln anfangen, im gleichen Ton zu vibrieren. Ich nehme den anderen wahr und mein Körper antwortet darauf, passt sich an, geht mit.
In unserer frühen Entwicklung ist Einstimmung existenziell wichtig. Ein Baby kann sich nicht selbst regulieren. Es braucht jemanden, der wahrnimmt: Was brauchst du gerade? Bist du hungrig, müde, überreizt? Und der dann darauf eingeht, sich einstimmt.
Wenn wir gute Einstimmung erleben, lernen wir: Ich werde gesehen. Meine Bedürfnisse werden wahrgenommen. Ich bin wichtig. Das ist die Grundlage für das Gefühl von Verbindung und Sicherheit in Beziehungen.
Wenn Einstimmung gefehlt hat oder brüchig war, kann das Spuren hinterlassen. Vielleicht habe ich gelernt, meine eigenen Bedürfnisse nicht mehr zu spüren. Oder ich bin hypervigilant, ständig am Scannen: Was braucht der andere? Wie geht es dem anderen? Dabei verliere ich mich selbst aus den Augen.
Im Tango zeigt sich das sehr direkt. Manche Menschen sind wunderbar eingestimmt auf ihren Partner. Sie spüren jede Nuance, jede Veränderung. Aber manchmal auf Kosten ihrer eigenen Präsenz. Andere sind vielleicht sehr bei sich, tanzen ihre eigenen Schritte, aber die Verbindung zum anderen ist brüchig.
Das Schöne am Tango ist: Er fordert beides. Ich muss eingestimmt sein auf den anderen. Aber ich muss auch bei mir bleiben. Es ist dieses 50:50-Verhältnis, von dem im NARM die Rede ist. 50 Prozent Kontakt zu mir selbst, 50 Prozent Kontakt zum anderen.
Das zu lernen ist ein Prozess. Manchmal rutsche ich mehr zum anderen, manchmal mehr zu mir. Aber mit der Zeit kann ich ein besseres Gefühl dafür entwickeln: Wie fühlt sich diese Balance an?
Einstimmung hat auch mit Empathie zu tun. Aber nicht mit dieser Art von Empathie, wo ich mich völlig in den anderen hineinversetze und mich dabei verliere. Sondern mit einer mitfühlenden Präsenz. Ich nehme den anderen wahr und bleibe gleichzeitig in meinem eigenen Körper verankert.
Im Tango können wir das üben. Kann ich spüren, wie der andere sich bewegt, und gleichzeitig meine Füße am Boden spüren? Kann ich auf seine Impulse eingehen und trotzdem meinen eigenen Rhythmus behalten?
Das sind Fähigkeiten, die sich entwickeln lassen. Und die uns nicht nur im Tango, sondern in allen Beziehungen helfen.