Rotraut Rumbaum
Tango & Psyche
Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Erotik und Abgrenzung
Ein Thema, über das nicht so oft gesprochen wird, aber das im Tango natürlich mitschwingt, ist das Thema Erotik und gleichzeitig die Frage der Abgrenzung. Also, wie gehe ich damit um, dass der Tango ja durchaus auch eine sinnliche, manchmal erotisch aufgeladene Situation sein kann?
Und das ist etwas, wo sich oft ganz viel zeigt, weil es eben auch wieder mit unseren frühen Erfahrungen zu tun haben kann. In NARM sprechen wir von der Liebe-Sexualität-Überlebensstruktur. Das klingt jetzt erst mal sperrig, aber gemeint ist: Wie haben wir als Kind gelernt, mit Nähe, mit Zuneigung, mit körperlicher Anziehung umzugehen
Für manche Menschen ist da vielleicht eine große Verwirrung entstanden, wenn körperliche Nähe in der Kindheit mit etwas Unangenehmem oder sogar Übergriffigem verbunden war. Oder wenn Zuwendung immer an Bedingungen geknüpft war. Oder wenn es eine Vermischung gab zwischen elterlicher Liebe und etwas, was nicht mehr angemessen war.
Und dann kann es sein, dass ich als Erwachsene im Tango Schwierigkeiten habe, diese verschiedenen Ebenen auseinanderzuhalten.
Vielleicht interpretiere ich jede körperliche Nähe sofort als sexuelles Interesse.
Oder ich gehe umgekehrt komplett in eine Vermeidung, mache mich ganz asexuell, weil ich Angst habe, dass sonst etwas Unkontrollierbares passiert, oder ich falsch interpretiert werde. Zum Beispiel haben Männer oft Schwierigkeiten, aus dem Becken zu führen.
Das Interessante am Tango ist ja, dass er einen geschützten Rahmen bietet. Es ist eine Situation, wo wir uns sehr nah kommen können, wo durchaus auch etwas Erotisches da sein darf, aber gleichzeitig gibt es klare Strukturen. Es ist ein Tanz, es ist zeitlich begrenzt, es gibt Regeln. Und das kann unglaublich heilsam sein, weil ich da lernen kann: Ich kann Nähe genießen, ich kann diese sinnliche Qualität des Tanzes erleben, und gleichzeitig weiß ich, wo die Grenzen sind
Aber natürlich setzt das voraus, dass ich meine eigenen Grenzen spüre. Dass ich merke: Was fühlt sich für mich stimmig an oder wo wird es zu viel? Und das ist eben oft nicht so leicht, wenn ich das früher nicht lernen konnte, weil meine Grenzen nicht respektiert wurden.
Also, es lohnt sich da vielleicht zu schauen: Wie ist das bei mir im Tango? Kann ich die verschiedenen Qualitäten von Nähe unterscheiden? Kann ich etwas als schön und anregend erleben, ohne dass ich sofort in eine Verwirrung gerate , mich bremse oder mich schützen muss?
Und auf der anderen Seite: Kann ich auch meine Grenzen setzen? Kann ich spüren, wenn mir etwas zu viel wird, und das auch kommunizieren? Das gehört ja zur gesunden Abgrenzung dazu. Nicht, dass ich mich immer nur anpasse oder im Gegenteil komplett dichtmache, sondern dass ich in Kontakt bleibe mit mir selbst und von dort aus entscheide, was für mich passt.
Der Tango kann da wirklich wie ein Übungsfeld sein, wo wir ganz praktisch erleben: Wie geht das mit dieser Balance zwischen Hingabe und Eigenständigkeit, zwischen Öffnung und Schutz? Und das ist etwas, was uns dann oft auch in anderen Beziehungen weiterhilft.