Rotraut Rumbaum
Tango & Psyche
Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Lust und Sinnlichkeit im Ausdruck
Lust und Sinnlichkeit – das sind Themen, die im Tango natürlich eine Rolle spielen. Aber interessanterweise nicht immer auf die Art, wie man vielleicht denkt.
Tango wird oft als sehr sinnlicher, erotischer Tanz wahrgenommen. Und das kann er auch sein. Aber es geht dabei nicht unbedingt um Sexualität im engeren Sinne. Es geht mehr um Lebendigkeit, um Präsenz, um eine gewisse Qualität von Energie und Ausdruck.
Was in NARM als Liebe-Sexualität-Überlebensstil beschrieben wird, hat viel damit zu tun, wie wir die Verbindung zwischen Herz und Vitalität erleben. Kann ich liebevoll verbunden sein und gleichzeitig vital, lebendig, leidenschaftlich? Oder habe ich das gespalten?
Manche Menschen können sehr liebevoll sein, sehr verbunden, aber ihre Vitalität, ihre Lust, ihre Leidenschaft ist abgeschnitten. Oder umgekehrt: Sie können sehr vital und leidenschaftlich sein, aber die Herzverbindung fehlt. Es wird dann entweder zu brav oder zu wild, aber nicht beides zusammen.
Im Tango können wir mit dieser Integration spielen. Wie fühlt es sich an, in der Umarmung zu sein – das ist ja eine sehr intime, verbindende Position – und gleichzeitig Kraft zu haben, Dynamik, Ausdruck? Kann ich gleichzeitig weich und kraftvoll sein? Sanft und leidenschaftlich?
Das sind keine Gegensätze, aber für viele Menschen fühlt es sich so an. Vielleicht weil ich in meiner Geschichte gelernt habe: Leidenschaft ist gefährlich. Oder: Nähe bedeutet, brav zu sein. Oder: Wenn ich meine Kraft zeige, verliere ich die Verbindung.
Diese Spaltungen können verschiedene Ursprünge haben. Manchmal hat es mit frühen Botschaften zu tun – was ist okay, was ist nicht okay an meinem Ausdruck, an meiner Lebendigkeit und Körperlichkeit. Manchmal hat es mit Erfahrungen zu tun, wo Intimität und Macht vermischt wurden auf eine ungesunde Weise.
Im Tango haben wir die Möglichkeit, das neu zu sortieren. In einem Rahmen, der relativ sicher ist – es ist ja ein Tanz, keine Liebesbeziehung – können wir erkunden: Wie fühlt sich das an, lebendig zu sein in Verbindung? Kann ich meine Sinnlichkeit ausdrücken, ohne dass es bedrohlich wird?
Das ist sehr individuell. Für manche Menschen ist der sinnliche Aspekt des Tangos genau das, was sie suchen. Eine Möglichkeit, diese Seite von sich zu leben. Für andere ist es erstmal schwierig, überfordernd vielleicht. Und das ist völlig okay.
Es geht nicht darum, besonders sinnlich sein zu müssen im Tango. Es geht darum, herauszufinden: Was fühlt sich für mich stimmig an? Wo ist meine Grenze? Was möchte ich vielleicht erkunden, und was nicht?
Und vielleicht kann ich im Tango auch lernen: Lust und Lebendigkeit sind nicht per se gefährlich. Sie sind Ausdruck von Vitalität. Und ich kann sie haben, ohne die Kontrolle zu verlieren. Ich kann sinnlich sein und gleichzeitig geerdet. Ich kann Leidenschaft zeigen und trotzdem verbunden bleiben – mit mir selbst und mit dem anderen.
Das ist diese Integration von Herz und Vitalität. Und der Tango ist ein wunderbarer Raum, um damit zu experimentieren.