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Rotraut Rumbaum

Tango & Psyche


Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen.  Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.

Präsenz im Hier und Jetzt – Der Weg aus alten Mustern

Hallo und herzlich willkommen. Heute möchte ich über etwas sprechen, das im Zentrum meiner Arbeit steht und das im Tango auf ganz besondere Weise erlebbar wird: Präsenz. Die Fähigkeit, wirklich hier zu sein, im Hier und Jetzt.


Klingt vielleicht erstmal simpel. Aber wenn wir ehrlich sind, dann ist es gar nicht so einfach, wirklich präsent zu sein. Unser Kopf ist oft ganz woanders. Wir denken an gestern, wir planen für morgen, wir bewerten, wir vergleichen. Und währenddessen läuft das Leben an uns vorbei.


Und jetzt kommt der Tango ins Spiel. Weil im Tango – also wenn wir wirklich tanzen, nicht nur Schritte ausführen – dann braucht es Präsenz. Wir müssen spüren, was gerade geschieht. Wir müssen im Kontakt sein mit unserem Körper, mit dem Partner, mit der Musik. Und das ist, auf die eine oder andere Weise, eine ziemlich kraftvolle Übung.


Was ich in meiner Arbeit oft sehe, ist, dass viele von uns gelernt haben, nicht präsent zu sein. Esmacht Sinn, wenn wir verstehen, dass es eine Überlebensstrategie war. Wenn wir als Kind Dinge erlebt haben, die schmerzhaft waren, die überfordert haben, dann haben wir möglicherweise gelernt: Ich gehe innerlich weg. Ich dissoziiere ein bisschen. Ich bin nicht ganz da. Das war damals eine kluge Strategie, um zu überleben.


Aber als Erwachsene – und das ist mir wichtig zu betonen – kostet uns diese Strategie etwas. Sie kostet uns die Verbindung zu uns selbst. Sie kostet uns die Fähigkeit, wirklich zu spüren, was wir brauchen. Und sie kostet uns die Möglichkeit, tief mit anderen Menschen verbunden zu sein.


Wobei der Tango hier wie eine sanfte Einladung wirken kann. Er sagt uns nicht: Du musst jetzt präsent sein. Er zeigt uns einfach: Schau mal, wenn du präsent bist, dann öffnet sich etwas. Dann wird der Tanz lebendig. Dann entsteht Verbindung. Und manchmal, vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit, spüren wir: Ah, so fühlt es sich an, wirklich da zu sein.


Genau, also in der Arbeit mit Entwicklungstrauma – mehr oder weniger das, was ich mache – sprechen wir davon, dass Heilung im Hier und Jetzt geschieht. Nicht dadurch, dass wir die Vergangenheit aufarbeiten, auch wenn das manchmal dazugehört. Sondern dadurch, dass wir neue Erfahrungen machen. Dass wir unserem Nervensystem zeigen: Es ist sicher, präsent zu sein. Es ist okay, zu spüren. Ich muss nicht ständig auf der Hut sein.


Und der Tanz kann genau das ermöglichen. Weil im Tanz haben wir einen konkreten Anhaltspunkt. Wir können spüren: Wo stehen meine Füße? Wie fühlt sich mein Atem an? Wo ist der Kontakt mit meinem Partner? Das sind alles Einladungen, zurückzukommen in den Körper, zurückzukommen in den Moment.


Was mir noch wichtig ist zu sagen: Das ist kein linearer Prozess. Wir sind nicht einmal präsent und dann für immer. Es ist eher wie eine Welle. Wir sind da, dann driften wir wieder ab, dann kommen wir zurück. Und das ist völlig normal. Es ist eigentlich das Menschlichste, was es gibt.


Das Schöne am Tango ist, dass er uns immer wieder eine Chance gibt. Jeder Tanz ist eine neue Einladung. Jeder Moment ist eine Möglichkeit zu sagen: Okay, jetzt bin ich hier. Jetzt erlaube ich mir zu spüren. Und vielleicht, ganz vielleicht, können diese Momente der Präsenz sich ausdehnen. Können mehr werden. Können zu einer neuen Art werden, in der Welt zu sein.


Wobei, das hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ich sage das jetzt mal so: Präsenz ist nicht nur ein Zustand, den wir erreichen. Es ist eine Haltung. Eine Bereitschaft, immer wieder zurückzukommen. Zum Atem, zum Körper, zum gegenwärtigen Moment. Und der Tango ist ein wunderbarer Lehrer dafür.


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