Rotraut Rumbaum
Tango & Psyche
Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Rhythmus und Balance – Das 50:50-Verhältnis
Willkommen zurück! Heute sprechen wir über etwas, das im Tango ganz unmittelbar erlebbar wird, aber eigentlich für alle unsere Beziehungen gilt: Die Balance zwischen dem Kontakt mit mir selbst und dem Kontakt mit dem anderen. In NARM nennen wir das manchmal das 50:50-Verhältnis.
Also, stellt euch vor, ihr tanzt. Im besten Fall gibt es da so einen Rhythmus, ein Hin und Her zwischen: Ich bin bei mir, ich spüre mich – und gleichzeitig bin ich auch beim anderen, nehme wahr, was da im Zwischen entsteht. Das wechselt ständig, ist nie statisch. Manchmal bin ich mehr bei mir, dann wieder mehr beim Gegenüber. Und wenn es gut läuft, dann fühlt sich das ausgeglichen an.
Aber für viele von uns ist genau diese Balance eine Herausforderung. Manche Menschen tendieren dazu, sich komplett auf den anderen zu fokussieren. Sie spüren dann sehr genau, was der andere braucht, wie es ihm geht, was er denkt – aber verlieren dabei den Kontakt zu sich selbst. Sie merken vielleicht gar nicht mehr, ob sie selbst müde sind, ob ihnen die Umarmung zu eng ist, ob sie gerade eigentlich Pause bräuchten.
Andere wiederum haben eher Schwierigkeiten, überhaupt zum anderen zu kommen. Sie bleiben sehr bei sich, in ihrer eigenen Welt sozusagen. Und dann wird der Tanz möglicherweise ein bisschen einsam, auch wenn da jemand in der Umarmung ist.
In NARM verstehen wir das als adaptive Überlebensstrategien. Also wenn ich als Kind vielleicht gelernt habe, dass es sicherer ist, mich ganz auf die Bedürfnisse meiner Eltern einzustellen und meine eigenen zurückzustellen, dann werde ich auch als Erwachsener in Beziehungen diese Tendenz haben. Oder wenn ich erlebt habe, dass Nähe unsicher oder überwältigend war, dann ziehe ich mich vielleicht zurück und bleibe lieber in meiner eigenen Blase.
Das Schöne am Tango ist, dass uns diese Muster sehr schnell bewusst werden können. Weil der Tanz braucht beide – mich und den anderen. Wenn ich nur bei mir bin, gibt es keine Verbindung. Wenn ich nur beim anderen bin, verliere ich meine Achse, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.
Und jetzt kommt der Rhythmus ins Spiel. Es geht nicht darum, dass ich jetzt ständig kontrollieren muss: Bin ich jetzt 50 Prozent bei mir und 50 Prozent beim anderen? Das wäre viel zu verkopft. Es geht eher um ein organisches Hin- und Herpendeln. Ein Atmen sozusagen. Einatmen – ich komme zu mir zurück, ich spüre meine Füße, meinen Körper. Ausatmen – ich öffne mich zum anderen hin, nehme wahr, was da ist.
Manchmal braucht es auch mehr von dem einen. Wenn ich merke, ich bin gerade überfordert oder erschöpft, dann darf ich mehr bei mir sein. Das ist kein Versagen, sondern Selbstfürsorge. Und wenn ich merke, ich bin gerade sehr in meinem Kopf oder in meiner eigenen Welt, dann kann ich bewusst die Verbindung zum anderen suchen.
Was mir noch wichtig ist: Diese Balance ist nie perfekt. Es geht nicht um ein starres Gleichgewicht, sondern um etwas Lebendiges, das sich ständig neu ausbalanciert. Wie beim Gehen – wir fallen eigentlich ständig ein bisschen aus der Balance und fangen uns wieder auf. Das ist Bewegung.
Vielleicht ist das auch eine Einladung, in deinen Beziehungen mal hinzuspüren: Wo bin ich eher? Tendiere ich dazu, mehr beim anderen zu sein oder mehr bei mir? Und was würde sich verändern, wenn ich mehr von dem anderen Pol einladen würde?