Rotraut Rumbaum
Tango & Psyche
Kleine Einsichten aus 20 Jahren mit Tango und Menschen. Wenn du dich für diese Themen interessierst, kontaktiere mich gerne hier.
Umarmung – Wenn der Körper erinnert, was wir vergessen haben
Herzlich willkommen. Heute möchte ich mit euch über etwas sprechen, das auf den ersten Blick vielleicht ganz einfach erscheint – die Umarmung im Tango, den Abrazo. Und gleichzeitig ist es vielleicht eines der tiefsten Themen, die es gibt.
Also, wenn wir im Tango in diese Umarmung gehen, dann geschieht da etwas ziemlich Bemerkenswertes. Wir kommen in einen physischen Kontakt, der sehr nah ist, sehr verbindlich. Und manchmal merken wir dann: Oh, da ist plötzlich mehr spürbar, als wir erwartet haben. Vielleicht ein Unbehagen, vielleicht eine Anspannung. Oder auch, auf die eine oder andere Weise, ein tiefes Gefühl von: Ja, genau das brauche ich.
Was ich in meiner Arbeit immer wieder sehe – und das ist mir noch wichtig zu sagen – ist, dass unser Körper eine eigene Weisheit hat. Der Körper erinnert sich an Dinge, die wir kognitiv vielleicht gar nicht mehr greifen können. Und wenn wir in die Umarmung gehen, dann aktivieren wir etwas sehr Frühes in uns. Ein Grundbedürfnis, könnte man sagen. Das Bedürfnis nach Kontakt, nach dem Gefühl: Ich bin willkommen, ich darf hier sein.
In der Entwicklungspsychologie – also in dem, was wir über frühe Prägungen wissen – sprechen wir davon, dass manche Menschen als Kinder die Erfahrung gemacht haben: Meine Bedürfnisse sind zu viel. Oder: Wenn ich zu nah komme, dann wird es schwierig. Und das sind Erfahrungen, die sich tief einschreiben. Nicht als bewusste Erinnerung oft, sondern als ein Muster im Nervensystem. Als eine Art Vorsicht: Nähe könnte gefährlich sein.
Und dann stehen wir da, Jahrzehnte später, im Tanzsaal, und gehen in eine Umarmung. Und plötzlich spüren wir vielleicht diese Anspannung wieder. Oder wir spüren, dass wir uns zurückziehen wollen, obwohl wir eigentlich tanzen möchten. Das ist nicht falsch. Das ist nicht etwas, das wir wegtherapieren müssen. Es ist einfach eine Information. Unser System sagt uns: Pass auf, hier gibt es etwas zu erkunden.
Wobei – und das finde ich spannend – die Umarmung im Tango auch eine Einladung sein kann. Eine Einladung, neue Erfahrungen zu machen. Nicht in dem Sinne, dass wir uns zwingen, etwas zu tun, das sich nicht stimmig anfühlt. Sondern mehr in dem Sinne: Können wir vielleicht ganz sanft erkunden, wie es ist, Kontakt zuzulassen? In unserem eigenen Tempo, mit unseren eigenen Grenzen.
Genau, also was ich damit sagen möchte: Die Umarmung im Tango ist nicht nur eine Tanztechnik. Sie berührt etwas zutiefst Menschliches. Etwas, das mit Sicherheit zu tun hat, mit Geborgenheit. Mit der Frage: Darf ich mich zeigen? Darf ich spüren, wie ich mich fühle, während ich hier mit einem anderen Menschen verbunden bin?
Und manchmal – vielleicht nicht beim ersten Mal, vielleicht nicht beim zehnten Mal, aber irgendwann – kann es sein, dass sich da etwas öffnet. Dass der Körper erkennt: Ach, Kontakt kann auch nährend sein. Ich muss nicht immer auf der Hut sein. Es gibt vielleicht doch einen Weg, gleichzeitig verbunden zu sein und bei mir zu bleiben.
Das ist keine Garantie, das hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist einfach etwas, das ich beobachte, auf die eine oder andere Weise, wenn Menschen mit dem Tango arbeiten. Dass diese Umarmung zu einem Raum werden kann, in dem wir etwas nachreifen lassen können, was früher vielleicht nicht so gut genährt wurde.
Und das Schöne daran ist: Wir können unserem eigenen Rhythmus folgen. Wir können klein anfangen. Wir können Pausen machen. Wir können erforschen, ohne uns zu überfordern. Das ist die Weisheit des Körpers – er weiß, wann er bereit ist, und wann nicht. Und wenn wir ihm zuhören, dann kann Heilung geschehen. Nicht durch Druck, sondern durch Präsenz.
Ja, also das wollte ich heute mit euch teilen. Nur mal so ein paar kleine Eindrücke, wie die Umarmung im Tango mit unserem tiefsten Bedürfnis nach Kontakt verbunden ist. Ich danke euch fürs Zuhören.