Rotraut Rumbaum

Thema:
Verlust, Trauer, Abschied von Menschen und anderem
Viele Arten von Verlust
Wenn ein Elternteil stirbt und Dinge ungesagt geblieben sind, legt sich oft eine Taubheit über die Tage danach. Eine Klientin kam zu mir, Monate nach dem Tod ihres Vaters, und konnte noch immer nicht weinen. Sie funktionierte im Beruf, kümmerte sich um ihre Mutter, aber in der Brust saß etwas wie eine Faust. Wir haben nicht gleich nach den Gefühlen gesucht. Wir sind erstmal bei dieser Faust geblieben und haben geschaut, was sie eigentlich festhält.
Verlust kann viele Gesichter haben, zum Beispiel den Tod eines Partners, eines Kinds, oder auch eines Tiers. Die Trennung von einer Lebensphase kann sehr schwierig sein, wenn plötzlich kein Sinn mehr aus der Arbeitswelt kommt. Man kann auch trauern über das Ungelebte, das sich sich nicht mehr nachholen lässt. Oder man trägt einen Teil der Trauer der eigenen Eltern mit sich, als intergenerationelles Erbe, ohne genau zu wissen, woher diese Schwere kommt.
Was ist der Unterschied zwischen Trauer und Depression?
Trauer wird oft mit Depression verwechselt, obwohl sie sich im Körper ganz unterschiedlich anfühlen. In der Depression spürst du häufig eine bleierne Leblosigkeit, während Trauer eine Bewegung ist, die durch dich hindurchwill. Bei einer erschöpften Mutter, die eigentlich um die Freiheit trauerte, die sie mit der Geburt ihres Kindes verloren hatte, stauten sich diese Bewegungen als Schwere in den Schultern.
Das ist ein wichtiger Unterschied, auch für die Frage, wie wir damit umgehen. Trauer braucht Raum und Bewegung und Depression braucht oft andere Unterstützung.
Warum lässt sich manche Trauer nicht einfach loslassen?
Manchmal will man sich garnicht erst auf Trauner einlassen, weil da eine Angst, dass das Weinen nicht mehr aufhört, wenn man einmal nachgibt. Ein Mann, dem ich begegnet bin, bekam nach Jahrzehnten endlich die Anerkennung seines Vaters, auf die er immer gewartet hatte. Und dann stand er da, ohne zu wissen, wofür er morgens aufstehen sollte. Sein ganzer Antrieb hing an diesem Warten. Wir haben geschaut, was sich unter diesem plötzlichen Leerraum zeigt, wenn man ihn nicht sofort wieder füllt.
Ich bleibe in solchen Momenten präsent, so dass der andere merkt, dass er im Loslassen nicht alleine ist. Menschliche Präsenz kann in solchen Momenten das Wichtigste sein.
Manchmal hält die Trauer auch deshalb fest, weil sie mit etwas Unfertigem zusammenhängt: als Erwachsene trauern wir oft über Gespräche, oder Fragen, die wir mit unseren verstorbenen Eltern nie geführt haben.
Wie kann Trauer zu Bewegung werden?
Der Schmerz darf Bewegung werden, anstatt in eine Ecke gedrängt zu werden. Bei einem Paar, das sich seit Jahren nicht mehr richtig erreicht, liegt unter der Wut oft eine nie ausgesprochene Trauer darüber, dass ein bestimmter gemeinsamer Anfang so nie stattgefunden hat. Wenn wir diese Wehmut im Hier und Jetzt - also bei mir in der Session - bezeugen, kann sich etwas lockern.
Es kann auch darum gehen, dass Verlust und Dankbarkeit nebeneinander Platz haben dürfen.
In der körperorientierten Arbeit mit NARM bedeutet das, dem Körper zu erlauben, was er schon lange machen wollte: sich zu bewegen, Atem zu holen, loszulassen. Das geht manchmal über Worte hinaus. Authentic Movement kann dafür ein hilfreicher Raum sein, weil dort der Körper führen darf, ohne dass etwas erklärt oder benannt werden muss.
Häufige Fragen
Ich trauere um etwas, das kein "richtiger" Verlust zu sein scheint. Ist das trotzdem ein Thema?
Ja. Trauer entsteht überall dort, wo etwas endet, das Bedeutung hatte: eine Lebensphase, eine Hoffnung, eine Vorstellung davon, wie etwas hätte sein sollen. Das Gefühl ist real, auch wenn der Verlust von außen klein wirkt oder schwer in Worte zu fassen ist.
Kann man zu lange trauern?
Es gibt Trauer, die sich festgefahren hat und nicht mehr fließt, das ist etwas anderes als Trauer, die einfach Zeit braucht. In der Arbeit schauen wir, was die Bewegung blockiert, ohne die Trauer zu pathologisieren.
Was hat Körperarbeit mit Trauer zu tun?
Trauer sitzt im Körper, lange bevor sie Worte findet. Viele Menschen bemerken erst in der körperorientierten Arbeit, dass da etwas ist, das nie Raum bekommen hat. Die Faust in der Brust, die Schwere in den Schultern, der Kloß im Hals sind körperliche Realitäten. Mit NARM und Authentic Movement arbeite ich direkt mit diesen körperlichen Ausdrücken der Trauer.
Was ist NARM und wie unterstützt es Trauerprozesse?
NARM (NeuroAffektives Relationales Modell, entwickelt von Dr. Laurence Heller) ist ein therapeutischer Ansatz, der bei den emotionalen Prägungen aus früher Kindheit ansetzt — bei Mustern wie Scham, Selbstverlust oder der Unfähigkeit, sich auf andere einzulassen. Der Körper ist dabei nicht das Ziel, sondern ein Fenster: er zeigt, was emotional noch nicht integriert ist. Bei Trauerprozessen hilft NARM dabei zu verstehen, was sich als Starre, Taubheit oder Erschöpfung zeigt . Das ist oft ein Schutz vor dem, was zu schmerzhaft war, um es zu fühlen. Die Arbeit schafft Raum, diesen Schutz langsam zu öffnen.
Infos
Handrock, Anke und Baumann, Martin
Vergeben und Loslassen in Psychotherapie und Coaching:
(Amazon) Ob nach erlebten Traumata, Schicksalsschlägen oder angesichts schwerwiegender Probleme…


