Rotraut Rumbaum

Thema:
Innere Leere, Leben aus der Distanz
Hinter der Glasscheibe
Das kannte ich für kurze Zeit einmal selber: durch die Straßen gehen und das Gefühl haben, hinter einer Glasscheibe zu stehen. Alles da, alles sichtbar, aber irgendwie nicht wirklich erreichbar. Was bleibt, ist eine trockene, ferne Erinnerung an Zeiten, in denen man sich wirklich lebendig gefühlt hat.
Du lebst dein Leben. Aber irgendwie aus der Distanz. Du erinnerst dich daran, dass es früher anders war, aber du kannst es nicht mehr fühlen. Vielleicht nicht einmal mehr Liebe.
Ist innere Leere immer ein Zeichen, dass etwas falsch ist?
Nicht unbedingt. Ich habe einmal selbst einen Moment völliger innerer Stille erlebt, der sich ganz anders anfühlte als Leere im problematischen Sinn. Und das Empfinden der Leere als nagende Abwesenheit war zum Beispiel östlichen spirituellen Praktiken lange fremd. Dort galt Leere als Raum, nicht als Defizit.
Der Unterschied liegt darin, wie sich die Leere anfühlt, oder ob sie drückt und nagt, oder ob sie atmet.
Wie entsteht das Gefühl, hinter einer Glasscheibe zu leben?
Eine mögliche Perspektive: diese Taubheit kann wie ein Dimmer sein, den das System vor langer Zeit heruntergedreht hat. Wenn man als Kind Situationen erlebt hat, die emotional zu viel waren, zu schmerzhaft um sie zu halten, war der Rückzug nach innen oft der einzige Ausweg. Man lernt, Empfindungen flach zu halten und dieser Dimmer läuft weiter, auch wenn die Situation, die ihn damals nötig machte, längst vorbei ist.
Manchmal ist die Ursache auch schwieriger medizinischer Eingriff, oder Medikamente.
Muss man erst "besser" sein, bevor man anfangen kann?
Ein Klient, der in seinem Beruf sehr erfolgreich war, kam zu mir frustriert, weil er sich "einfach nur leer" fühlte. Er glaubte, er müsse erst in einer besseren Verfassung sein, um überhaupt an sich arbeiten zu können.
Doch genau diese Leere war unser eigentlicher Ansatzpunkt.
Anstatt das Gefühl wegzudrücken, haben wir uns genau dorthin gewagt. Wir nutzen Verlangsamung und spürendes Gewahrsein, um zu schauen, was unter dieser Schicht eigentlich liegt. Was sich erst wie ein schwarzes Loch anfühlt, zeigt sich bei genauem Hinspüren oft als ein Raum voller ungenutzter Möglichkeiten. In meinen besten Momenten beschreibe ich mich selber als "aus der Leere" arbeitend.
Wir arbeiten in unserer Sitzung mit dem, was gerade da ist, das heißt damit, was der Körper zeigt und was die Emotionen signalisieren. Das Gefühl des Eingefrorenseins lässt sich langsam schmelzen, aber das braucht Geduld und einen Rahmen, in dem es sicher ist, überhaupt etwas zu spüren.
Häufige Fragen
Ich fühle mich leer, obwohl äußerlich alles in Ordnung ist. Bin ich "undankbar"?
Nein. Innere Leere hat wenig mit äußeren Umständen zu tun. Sie entsteht, wenn das emotionale Erleben irgendwann abgedämpft wurde, oft als Schutz, und dieser Schutz hält an, auch wenn kein Grund mehr dafür da ist.
Was unterscheidet innere Leere von Depression?
Die Grenze ist fließend und manchmal schwer zu ziehen. Leere ist oft eine Form emotionaler Taubheit, ein Abstand zum eigenen Erleben. Depression trägt häufig mehr Schwere, manchmal auch Hoffnungslosigkeit. Beides kann gleichzeitig vorhanden sein. In der Arbeit mit mir schauen wir, was genau da ist, ohne es gleich zu benennen.
Kann man innere Leere spüren lernen, ohne dass es überwältigend wird?
Ja und das ist die eigentliche Aufgabe! Verlangsamung ist dabei zentral: nicht alles auf einmal, sondern in einer Dosierung, die das System aufnehmen kann. Der Rahmen entscheidet, ob das Hinspüren möglich wird.
Was ist NARM und wie arbeitet es mit innerer Leere?
NARM (NeuroAffektives Relationales Modell, entwickelt von Dr. Laurence Heller) ist ein therapeutischer Ansatz, der bei den emotionalen Prägungen aus früher Kindheit ansetzt — bei Mustern wie Scham, Selbstverlust oder der Unfähigkeit, sich auf andere einzulassen. Der Körper ist dabei nicht das Ziel, sondern ein Fenster: er zeigt, was emotional noch nicht integriert ist. Bei innerer Leere hilft NARM dabei zu verstehen, was damals den Dimmer heruntergedreht hat, und was nötig ist, damit Lebendigkeit wieder sicher werden kann.

