Rotraut Rumbaum
Mindful Motion
Das Dilemma zwischen Verbindung und Freiheit
Eine Klientin hat mir neulich etwas gesagt, das mich noch beschäftigt: "Ich liebe ihn. Aber sobald wir wirklich nah sind, will ich weg." Sie meinte das nicht dramatisch. Sie war einfach ehrlich verwirrt über sich selbst.
Das kenne ich. Aus unzähligen Gesprächen, mit Einzelpersonen wie mit Paaren. Der Wunsch nach Verbindung und gleichzeitig das dringende Bedürfnis nach Rückzug, nach eigenem Raum, nach sich selbst.
Was da eigentlich passiert
In NARM nennen wir das das Kerndilemma. Und es ist im Grunde so alt wie die früheste Kindheitserfahrung, die wir gemacht haben.
Wer als Kind gelernt hat, dass echte Nähe bedeutete, sich selbst zu verbiegen, dass Bindung an die Bedingung geknüpft war, bestimmte Bedürfnisse nicht zu zeigen oder bestimmte Gefühle zu verstecken, der hat irgendwann gelernt: Ich kann so sein wie ich bin, oder ich kann in Beziehung sein. Beides zusammen schien nicht möglich.
Das ist kein Gedanke, das ist eine körperliche Überzeugung. Sie sitzt tief, sie sitzt früh, und sie taucht in erwachsenen Beziehungen genau dann auf, wenn Intimität möglich wäre.
Das Muster in der Beziehung
Was dann passiert, ist oft vorhersehbar. Eine Person zieht sich zurück, wenn Nähe zu groß wird. Die andere erlebt das als Abweisung und reagiert, entweder mit Drängen oder mit eigenem Rückzug. Beides bestätigt das alte Muster: Verbindung ist gefährlich, oder zumindest kompliziert.
Und beide Personen haben dabei recht. Aus ihrer eigenen Geschichte.
Das Schwierige an solchen Momenten ist, dass keiner den anderen wirklich verletzt. Aber trotzdem verletzt werden beide. Weil zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide irgendwann gelernt haben, sich selbst zu schützen, und die das jetzt miteinander tun.
Was Autonomie damit zu tun hat
Es gibt auch die andere Seite des Dilemmas. Menschen, die Nähe gut aushalten, aber bei dem Gedanken, sich wirklich einzulassen, etwas in sich spüren, das sich wie Verlust anfühlt. Verlust von sich selbst, von der eigenen Freiheit, von dem, was sie ausmacht.
Das ist kein Widerspruch zur Liebe. Es ist der Versuch, beides zu haben, Verbindung und Selbstsein, und die Angst, dass das vielleicht nicht geht.
Aus kindlicher Erfahrung oft zu Recht. Aus heutiger Erwachsenenperspektive ist es ein Konflikt, aber kein unlösbarer.
Was sich verändern lässt
Was ich in meiner Arbeit beobachte: Wenn jemand beginnt zu spüren, dass der Rückzug kein Versagen ist, sondern ein sehr altes Signal, dass Nähe mit Selbstverlust verbunden war, verändert sich etwas in der Qualität des Kontakts. Das Muster löst sich dadurch noch nicht auf. Aber es wird erkennbar. Und was erkennbar ist, lässt sich erforschen.
In der Arbeit mit NARM und NARM Touch gehe ich dabei auch mit dem Körper. Weil das Dilemma sich körperlich zeigt, lange bevor es in Worte kommt. Der Atem, der flacher wird. Die leichte Anspannung, wenn jemand zu nah kommt. Das innere Weitergehen im Gespräch, während der Körper schon woanders ist.
Der Körper kennt das Muster. Und der Körper kann auch neue Erfahrungen machen.
Häufige Fragen
Muss ich mich zwischen Nähe und Freiheit entscheiden?
Das ist die Frage, die viele mitbringen. Und aus kindlicher Erfahrung macht sie Sinn. Was sich in der Therapie zeigen kann: Es ist eine früh gelernte Überzeugung, dass beides nicht geht. Ob das wirklich so ist, lässt sich erforschen.
Kann sich dieses Muster in einer Beziehung verändern?
Ja, manchmal beginnt die Veränderung bei einer Person, und die Beziehung verändert sich mit. Manche kommen als Paar, manche allein. Ich biete beides an.
Wie lange dauert das?
Das ist sehr individuell. Eine erste Wahrnehmungsverschiebung kann früh passieren. Tiefere Muster brauchen mehr Zeit, weil das Nervensystem neue Erfahrungen sammeln muss, die älter sind als jede Erinnerung.
Weiterführende Seiten:
→ Warum Nähe manchmal bedrohlich wirkt
→ Wie ich arbeite
→ Erstgespräch vereinbaren
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