Rotraut Rumbaum
Mindful Motion
Was unfertige Gefühle mit uns machen
Letzte Woche saß jemand bei mir, der mir beschrieb, wie er in einem Gespräch mit seiner Frau plötzlich ganz leer wurde. Nicht traurig, nicht wütend. Einfach weg. Er konnte es selbst nicht erklären. Es war ein gutes Gespräch gewesen, ein wichtiges sogar. Und trotzdem.
Was er beschrieb, kenne ich. Nicht nur aus meiner Arbeit, sondern auch aus dem, was ich an mir selbst beobachte, wenn ich ehrlich bin.
Was nicht fertig wurde
Es gibt Gefühle, die damals keinen Platz hatten. Nicht weil jemand böse war oder fahrlässig. Oft einfach weil niemand da war, der ausgehalten hätte, was das Kind fühlte. Oder weil das Fühlen selbst gefährlich wurde, weil darauf Ablehnung oder Überforderung folgte.
Diese Gefühle verschwinden dann aber nicht. Sie werden unterbrochen. Eingefroren, könnte man sagen, irgendwo zwischen Impuls und Ausdruck. Die Empörung, die nie rauskonnte. Die Trauer, die niemand gesehen hat. Der Protest, der zu riskant war.
Und weil sie nicht fertig wurden, suchen sie. Sie suchen nach Momenten, wo es sicher genug wäre. Und diese Momente kommen oft genau dann, wenn man mitten in etwas Echtem ist, in einem tiefen Gespräch, in einer Berührung, in einem Streit.
Was dann passiert
Der Körper schützt. Das ist sein Job. Er weiß nicht, dass jetzt 2025 ist und nicht 1987. Er weiß nur: das fühlt sich ähnlich an wie damals. Also weg, oder leer, oder plötzlich gereizt über etwas, das eigentlich keine Rolle spielt.
Das Verwirrende daran ist, dass diese Reaktionen oft so gar nicht zur aktuellen Situation zu passen scheinen. Der Partner versteht nicht, was gerade passiert ist. Der Betreffende selbst auch nicht wirklich.
Ich erlebe es so, dass viele Menschen jahrelang versuchen, das mit dem Kopf zu lösen. Zu verstehen, warum sie reagieren, wie sie reagieren. Das kann helfen. Aber es trägt das unfertige Gefühl nicht weiter.
Was emotionale Vervollständigung bedeutet
In NARM reden wir von emotionaler Vervollständigung, das ist kein besonders eleganter Begriff, aber er trifft etwas Wichtiges. Es geht darum, zu fühlen, was damals nicht gefühlt werden konnte. Und dabei meine ich nicht, es wieder aufzureißen oder alles rauszulassen. Eher das Gegenteil.
Es geht ums Halten. Darum, in Kontakt mit dem zu kommen, was da ist, und zu spüren, was dieses Gefühl eigentlich sagen wollte. Was ist die Botschaft darin? Was hat es gebraucht, das dieses Kind nicht bekommen hat?
Das kann man nicht erzwingen. Und lautes Ausagieren bringt das meistens nicht, das entlädt vielleicht, aber es vervollständigt nicht. Was hilft, ist Verlangsamung. Und ein Rahmen, in dem das Fühlen nicht sofort irgendwohin führen muss.
Was sich verschiebt
Das Interessante ist, dass wenn jemand in Kontakt mit einem solchen unfertigen Gefühl kommt, nicht einfach mehr Schmerz entsteht. Oft kommt zunächst Schmerz, ja. Aber dann etwas anderes. Eine Art von Weichheit. Von Beweglichkeit, die vorher nicht da war.
Das beschreibt der Mann, von dem ich anfangs erzählt habe, mittlerweile so: er kann in dem Gespräch bleiben, wo er früher einfach weg war. Nicht immer. Aber öfter. Und das verändert, wie er und seine Frau miteinander sind.
.jpeg)