Rotraut Rumbaum
Mindful Motion
Wenn du dein eigener härtester Kritiker bist
Eine Frau, die seit Jahren in Therapie ist und trotzdem morgens vor dem Spiegel denkt: Ich bin einfach nicht genug. Sie arbeitet daran, sie versteht die Zusammenhänge, sie kann alles benennen. Und trotzdem.
Das begegnet mir öfter, als man erwarten würde.
Was Selbstkritik eigentlich ist
Die gängige Annahme: Selbstkritik ist ein Charakterzug. Manche sind eben selbstkritisch, andere nicht. Das stimmt so nicht, zumindest nicht, wenn man genauer hinschaut.
Was ich beobachte, ist etwas anderes. Die innere kritische Stimme hat oft eine Schutzfunktion, die irgendwann sehr früh entstanden ist. Wenn Fehler bestraft wurden, wenn Leistung die einzige Form von Zugehörigkeit war, wenn Lob ausblieb und Kritik das normale Klima war, dann lernt das Kind: Ich muss mich selbst im Griff haben. Ich muss mich selbst kontrollieren, bevor andere es tun.
Das ist kein Versagen. Das war Anpassung. Damals hat es funktioniert.
Das Problem ist, dass es weiterläuft
Der Impuls, sich selbst zurechtzuweisen, bevor jemand anderes es tut, bleibt aktiv. Auch wenn das äußere Umfeld sich längst verändert hat. Auch wenn die kritische Mutter seit zwanzig Jahren nicht mehr im selben Raum ist.
Ich erlebe das körperlich bei Menschen, mit denen ich arbeite. Eine leichte Anspannung im Kiefer, wenn sie über Fehler sprechen. Das Innehalten beim Atmen, bevor sie etwas sagen, das vielleicht falsch klingen könnte. Der Körper führt die alte Schutzreaktion aus, ohne dass der Kopf gefragt wird.
Das ist der Punkt, an dem Reden allein an eine Grenze kommt. Man kann verstehen, warum man so ist. Und trotzdem sitzt das Muster tiefer als das Verstehen.
Selbstkritik und Verbindung
Was mich an dieser Dynamik beschäftigt, ist die relationale Seite. Wer ständig der eigene Kritiker ist, hat oft auch Schwierigkeiten, echtes Lob anzunehmen. Oder Nähe. Weil beides das System in Ungleichgewicht bringt, "das bin ich nicht", "das stimmt nicht", "irgendwas wird schiefgehen".
Selbstkritik hält eine Art innere Ordnung aufrecht. Sie ist schmerzhaft, aber sie ist bekannt. Und Bekanntes fühlt sich sicherer an als das Unbekannte, auch wenn das Unbekannte eigentlich besser wäre.
Was sich verändern lässt
Es geht mir dabei weniger ums Abschalten der kritischen Stimme als ums Verstehen, wozu sie da ist. Was sie schützt. Was passieren müsste, damit dieser Schutz nicht mehr so dringend gebraucht wird.
In der Arbeit mit NARM und NARM Touch geht das oft über den Körper. Zu spüren, wie sich Selbstkritik körperlich anfühlt, wo sie sitzt, was sie tut. Und dann langsam, schrittweise, eine andere Erfahrung zuzulassen, dass Präsenz ohne permanente Selbstkorrektur möglich ist.
Das braucht Zeit. Es ist kein Schalter.
Häufige Fragen
Ist das dasselbe wie Perfektionismus?
Oft überlappen sie sich, aber Selbstkritik geht tiefer. Perfektionismus ist meistens auf Leistung ausgerichtet. Die innere kritische Stimme greift breiter, sie kommentiert, wer man ist, nicht nur, was man tut.
Hilft es, freundlicher mit sich selbst zu sprechen?
Als erster Schritt manchmal ja. Aber wenn die Selbstkritik tief in früheren Erfahrungen verankert ist, reicht kognitive Umformulierung oft nicht weit genug. Das Nervensystem braucht neue Erfahrungen, keine neuen Gedanken.
Kann man das alleine bearbeiten?
Manches ja. Aber die Muster entstanden in Beziehung, und sie verändern sich oft auch am leichtesten in Beziehung, in einem Rahmen, der sowohl Fehler als auch Würde Platz lässt.
→ Wie ich arbeite
→ Erstgespräch vereinbaren
.jpeg)