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Angst
Angst ist eines der ältesten Warnsysteme, das wir haben. Wenn eine Bedrohung auftaucht, reagiert das Nervensystem blitzschnell: Herzschlag beschleunigt, Muskeln spannen sich, der Körper macht sich bereit zu kämpfen oder zu fliehen. Das ist ursprünglich sinnvoll und lebensrettend.
Das Problem entsteht, wenn das System aktiviert wird, obwohl keine reale Bedrohung da ist. Oder wenn die Bedrohung von früher, die damals sehr real war, im Körper gespeichert bleibt und auch heute noch auftaucht.
Bei Menschen, die früh traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, ist das häufig so. Die Angst, die ein Kind erlebt, wenn die Bindung zur Bezugsperson nicht sicher ist, wenn es sich verlassen, überwältigt oder unsichtbar fühlt, hat eine existenzielle Qualität. Das Kind erlebt das buchstäblich als Bedrohung seiner Existenz. Diese frühe Angst sitzt tief und kann im Erwachsenenleben durch ganz alltägliche Situationen getriggert werden.
Angst als primäre Emotion ist spezifisch: Sie reagiert auf etwas Konkretes. Sie gibt dir Informationen und lässt sich, wenn die Situation bewertet und reguliert ist, wieder loslassen. Angst als Standardemotion ist diffuser, automatischer, und hängt weniger mit dem zusammen, was gerade tatsächlich passiert. Sie kann Wut oder Trauer überlagern, die sich noch gefährlicher anfühlen.
In der Therapie geht es nie darum, Angst wegzumachen. Es geht darum zu verstehen, was sie schützt, und langsam mehr Kapazität zu entwickeln, ihr gegenüber präsent zu bleiben.
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