Rotraut Rumbaum
Scham
Scham ist eines der am schwierigsten zu beschreibenden Gefühle. Und gleichzeitig eines der häufigsten. Aber in der NARM-Arbeit wird Scham nicht als echte Emotion betrachtet, sondern als psychobiologischer Prozess mit einer ganz bestimmten Funktion.
Was passiert in einem Moment der Scham? Der Blick geht nach unten. Der Körper zieht sich zusammen. Die Stimme versagt. Man will am liebsten verschwinden. Das ist kein Zufall: Scham ist körperlich ein tiefer Kollaps, bei gleichzeitig hohem innerem Erregungsniveau. Sie hat eine vernichtende Qualität.
Und sie ist immer relational. Man schämt sich nicht allein, man schämt sich vor jemandem, auch wenn dieser jemand nur in der Fantasie existiert. Scham funktioniert, wenn etwas sichtbar wird, das man nicht zeigen wollte.
Im Kern schützt Scham die Bindungsbeziehung. Ein Kind, das von seinen Bezugspersonen nicht das bekommt, was es braucht, verinnerlicht das Versagen der Umwelt. Es denkt nicht: "Meine Eltern können gerade nicht für mich da sein." Es denkt: "Mit mir stimmt etwas nicht." Das ist die Scham. Und sie ist eine Strategie, um die Verbindung zu den Bezugspersonen zu erhalten.
Diese schambasierte Überzeugung trägt sich oft bis ins Erwachsenenleben. In der Therapie geht es darum, Scham ans Licht zu bringen, mit Wärme und ohne Urteil. Denn Scham überlebt im Verborgenen. Im Gesehen-Werden verliert sie ihren Grip.
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