Rotraut Rumbaum
Schuld / Selbstvorwurf
Schuld und Scham werden oft in einem Atemzug genannt, aber sie sind verschieden. Scham bezieht sich auf das Sein: "Ich bin falsch, mit mir stimmt etwas grundsätzlich nicht." Schuld bezieht sich auf das Tun: "Ich habe etwas falsch gemacht."
Diesen Unterschied zu kennen, hilft. Denn gesunde Schuld ist eigentlich etwas Nützliches. Sie meldet sich, wenn wir jemandem wirklich geschadet haben oder unseren eigenen Werten zuwidergehandelt haben. Sie motiviert, etwas gutzumachen, sich zu entschuldigen, es beim nächsten Mal anders zu machen. Diese Schuld schaut nach vorne.
Dann gibt es Schuld, die toxisch ist, die sich aufbläht und nicht auflöst, auch wenn es nichts gutzumachen gibt. Selbstvorwürfe, die sich im Kreis drehen. Das Gefühl, schuld zu sein an Dingen, die man gar nicht kontrollieren konnte.
In der NARM-Perspektive entsteht diese toxische Schuld ähnlich wie die Scham: als Überlebensstrategie im Kontext von Bindungsbeziehungen. Ein Kind, das Zeuge von elterlichen Konflikten wird, gibt sich schuld dafür. Ein Kind, das vernachlässigt wird, erklärt sich selbst als Ursache, damit die Welt wieder einen Sinn ergibt.
Dieses Muster des Selbstvorwurfs trägt sich ins Erwachsenenleben. Menschen übernehmen Verantwortung für Dinge, die nicht ihre Verantwortung sind. In der Therapie geht es darum, diesen Unterschied zu spüren: Was ist wirklich meine Verantwortung? Und was habe ich als Kind übernommen, weil es damals überlebenswichtig war?
.jpeg)