Rotraut Rumbaum
Wenn Angst das Nervensystem übernimmt

Thema:
Angst und Nervensystem
Was ich aus meiner Arbeit kenne
Ein Klient beschreibt Flugangst. Ich frage ihn, was in ihm passiert, wenn er ans Einsteigen denkt, und zwar nicht was er befürchtet, sondern was er innerlich tut, wenn die Angst kommt. Er beschreibt etwas, das sich zusammenzieht. Und dann, dass er aufhört weiterzudenken.
Bei anderen Klienten ist es eher eine generalisierte unbestimmte Angst, das etwas Schlimmes passieren könnte, ohne Anlass, ohne bestimmte Auslösesituation. Oder der Auslöser kann ein Brief sein, den man nicht öffnet.
Was da passiert
In NARM unterscheiden wir zwischen Angst und unspezifischen Ängsten. Angst im engeren Sinn ist eine Reaktion auf eine tatsächliche Bedrohung , also etwas, das wirklich gefährlich ist, jetzt. Ängste dagegen entstehen nicht aus dem, was gerade passiert, sondern aus dem, was schon längst passiert ist. Ich spreche hier nur von Ängsten.
Heller nennt das futuristische Erinnerungen. Du hast Angst vor dem, was du schon kennst. Das Gehirn projiziert in die Zukunft, was es in der Vergangenheit erlebt hat und reagiert so, als ob es jetzt wieder passieren würde. Deshalb kann ein Brief, den du nicht öffnest, sich in einem Maß "lebensbedrohlich" anfühlen, wie es dem wahrscheinlichen Inhalt übernicht entsprechen kann.
Das hat einen Grund. Als Kind warst du von deinen Bezugspersonen vollständig abhängig , nicht nur emotional, sondern zum Überleben. Wenn bestimmte Bedürfnisse nicht ankamen, wenn du nicht gesehen wurdest oder dein Ausdruck bestraft wurde, dann war damit implizit die Beziehung selbst in Gefahr.
Und der Verlust dieser Beziehung war, aus kindlicher Sicht, keine bloße Enttäuschung sondern eine Bedrohung des Überlebens. Das Gehirn hat sich entsprechend organisiert: es lernt vorauszusagen, was kommt, bevor etwas überhaupt passiert. Es schützt dich, indem es früh abbremst.
Heute läuft dieses Programm weiter. Deshalb ist der Auslöser nicht die Ursache der Angst. Er erinnert nur das Muster daran, was es einmal wissen musste.
Der Umgang mit real begründeten Ängsten
Was ich in meiner Arbeit sehe, sind oft Ängste in diesem Sinn. Das schließt nicht aus, dass es reale Belastungen gibt, zm Beispiel die Angst vor dem Verlust finanzieller Sicherheit kann auf einer echten Situation beruhen. Aber selbst dann lohnt es sich zu schauen, was das Muster damit macht: ob die Angst der Situation entspricht, oder ob sie größer ist, als die Realität erklären würde.
Dazu kommt noch etwas anderes: das Gefühl, nichts tun zu können. Ich kenne beides aus der Praxis - Menschen, bei denen die Angst groß ist, aber die Handlungsfähigkeit da ist, sobald wir hinschauen. Und Menschen, bei denen die Ohnmacht real ist, nicht nur als Muster. Was aus der Kindheit oft mitgenommen wird, ist nicht nur die Angst selbst, sondern das Erleben, ausgeliefert zu sein, dass es keinen Ausweg gab, dass nichts half. Zum Beispiel kann man ganz real in einem Zimmer eingeschlossen gewesen sein. Dieses "ich kann da nichts tun" sitzt als Überzeugung, und sie wird in der Gegenwart reaktiviert.
Warum Reden oder Self-Help allein oft nicht reicht
Was in der therapeutischen Arbeit möglich wird: dass die Angst auftaucht und bleibt, ohne dass du sie sofort wegmachst. Wir schauen zusammen, was in dem Moment passiert, wenn du ans Einsteigen denkst.
Das Muster erwartet, dass dieser Impuls nicht willkommen ist, dass du damit alleine bist, so wie damals im Zimmer. Wenn du merkst, dass jemand dabei bleibt, während die Angst da ist, und nichts Schlimmes passiert, fängt das Muster an zu verblassen
Self-Help scheitert daran, dass du dabei alleine bist. Das Muster erwartet ja genau das, nämlich allein zu sein mit dem Impuls, der Angst. Self-Help bestätigt diese Erwartung, auch wenn der Inhalt hilfreich klingt. Damit lehne ich natürlich nicht Self-Help allgemein ab! Bücher oder das Internet oder KI helfen wirklich beim Verstehen, aber sie bieten nicht wirkliche Präsenz eines anderen Menschen in der Situation.
Wie ich damit arbeite
Was ich vermeide, ist, die Angst wegzumachen oder zu erklären. Das Aushalten ohne es nur in den Verstand zu überführen ist oft das, was überhaupt erst Veränderung ermöglicht.
Was ich zB tue, wenn Angst auftaucht: wir schauen zuerst auf den Moment kurz davor. Was hat mein Klient mit dem Impuls gemacht, bevor er überhaupt zur Angst geworden ist? Das ist oft der produktivere Einstieg.
Räumlich arbeite ich manchmal ganz konkret, zB Klientin stellte sich eine Klientin hinter meine Raum-Säule, weil der direkte Kontakt zu viel war.
Dann gibt es einen Schritt, den ich für zentral halte: die Unterscheidung zwischen dem Erwachsenen, der heute freiwillig hier sitzt, und der somatischen Erinnerung, die in ihm hochkommt. Wenn jemand das wirklich erfährt, nicht nur versteht, reguliert sich oft etwas von selbst.
Warum schwanken meine Gefühle so stark und so schnell?
Stimmungen verändern sich schnell, von präsent zu verloren oder depressiv, ohne dass es wirklich durch Äußeres erkärbar ist.
Warum friere ich beim Tango ein und kann mich nicht bewegen?
Plötzlich erstarrt man innerlich, auch wenn es nach außen nicht sichtbar wird, macht man weiter.
Warum brauche ich Freiheit, aber eigentlich ist es Angst vor Nähe?
Innere oder intime Nähe wird als so bedrohlich empfunden, dass man Freiheit und Distanz in anderen Beziehungen sucht.
Warum mache ich mich klein und traue mich nicht zu zeigen?
Sichtbar zu werden - persönlich oder auch professionell - fühlt sich bedrohlich an. Man versteckt sich deshalb lieber, hält seine Wahrheit zurück, zeigt sich nicht, macht sich kleiner als man sein könnte.
Warum habe ich Angst, obwohl es keinen erkennbaren Grund gibt?
Es gibt vielleicht keinen konkreterAnlass, kein erkennbarer Auslöser und trotzdem ist Druck oder Spannung im Körper, der nie ganz aufhört. Herz, Kiefer... vielleicht hast du eine Ahnung woher es kommen könnte, und du weißt es ist nicht eigentlich körperlich.
Warum schwanken meine Gefühle so stark und so schnell?
Stimmungen verändern sich schnell, von präsent zu verloren oder depressiv, ohne dass es wirklich durch Äußeres erkärbar ist.
Warum friere ich beim Tango ein und kann mich nicht bewegen?
Plötzlich erstarrt man innerlich, auch wenn es nach außen nicht sichtbar wird, macht man weiter.
Warum brauche ich Freiheit, aber eigentlich ist es Angst vor Nähe?
Innere oder intime Nähe wird als so bedrohlich empfunden, dass man Freiheit und Distanz in anderen Beziehungen sucht.
Warum mache ich mich klein und traue mich nicht zu zeigen?
Sichtbar zu werden - persönlich oder auch professionell - fühlt sich bedrohlich an. Man versteckt sich deshalb lieber, hält seine Wahrheit zurück, zeigt sich nicht, macht sich kleiner als man sein könnte.
Warum habe ich Angst, obwohl es keinen erkennbaren Grund gibt?
Es gibt vielleicht keinen konkreterAnlass, kein erkennbarer Auslöser und trotzdem ist Druck oder Spannung im Körper, der nie ganz aufhört. Herz, Kiefer... vielleicht hast du eine Ahnung woher es kommen könnte, und du weißt es ist nicht eigentlich körperlich.
Angst taucht auf, obwohl die Situation objektiv ungefährlich ist. Das kennen viele aus eigener Erfahrung, und trotzdem lässt es sich schwer erklären, weil die Reaktion sich so real anfühlt, so körperlich, so dringend.
Was da passiert, hat mit Prägungen zu tun, die entstanden sind, als Gefahr tatsächlich etwas bedeutet hat. Als Kind bist du von deinen Bezugspersonen abhängig, emotional und existenziell. Wenn diese Sicherheit gefehlt hat, auch wenn es schwer zu benennen war, hat dein Organismus sich darauf eingestellt. Das Alarmmuster, das damals sinnvoll war, läuft heute noch, auch wenn die äußere Situation eine andere ist.
Das ist ein Überlebensmuster, das sich so tief eingegraben hat, dass es sich als dein Erleben anfühlt, als das, was du bist, wie du reagierst, was du brauchst. Oft wissen Menschen gar nicht, dass da etwas im Hintergrund läuft. Sie erleben einfach Angst, Anspannung, den Impuls wegzugehen oder still zu werden.
Im NARM schauen wir, was du gerade wahrnimmst und was dein Erleben dir zeigt. In welcher Weise da ein altes Muster antwortet. Und ob du heute, als Erwachsener, andere Möglichkeiten hast als damals.


