Rotraut Rumbaum

Thema:
Schwierigkeiten mit Beziehungen. Nähe-Distanz-Dilemma
"Liebe kann sich wie Tod anfühlen"
Ich habe diese Formulierung einmal spontan als Kommentar benutzt, als ich eine Beziehung zwischen zwei Menschen beobachtete, keine Klienten. Er hatte körperliche Symptome entwickelt, die er direkt mit der Nähe zu dieser Frau verband. Sie hatte ihn jahrelang unterstützt und war gleichzeitig seine einzige wirkliche Bezugsperson. Er war, wie er es wahrnahm, "gezwungen", in ihrer Nähe zu sein, sie verlassen war mit tiefer Schuld verbunden.
Mehrfach kündigte er an zu gehen, aber tat es nicht. Nach Jahren entschied er sich, trotzdem zu gehen. Er begründete es damit, dass er sonst "sterben" würde.
Warum fühlt sich Nähe manchmal körperlich bedrohlich an?
Ich benutze diesen extremen Ausdruck, Nähe gleich Tod, weil er die gefühlte Realität mancher Menschen beschreibt. Liebe und Nähe können sich existenziell bedrohlich anfühlen, körperlich, nicht nur als Gedanke. Im Extremfall kann das ein Gefühl der Selbst-Auslöschung hervorrufen.
Im Normalfall ist es weniger dramatisch. Viele kennen es aus der Bindungstheorie, zum Beispiel als den Konflikt zwischen den Beziehungsstilen "Ängstlich" und "Vermeidend" und dem Hin und Her, das das verursachen kann. Amir Levin hat dafür vor Jahren den Begriff "Anxious-Avoidant Trap" verwendet.
Im Allgemeinen spiegelt sich in der Angst vor der Nähe eine Erfahrung, die in der frühen Kindheit ihren Ursprung hat und sich tief ins System eingeschrieben hat: Kontakt war damals mit Gefahr verknüpft, mit Kontrollverlust oder dem Gefühl, sich selbst zu verlieren. Oder auch mit Überfürsorge, also der Parentifizierung eines Kinds gegenüber einem Elternteil.
In dem oben beschriebenen Extremfall hatte der Mann tiefe Schuldgefühle, weil er den Selbstmord seines Vaters nicht verhindern konnte trotz seines Bemühens. Und dieser alte Lernvorgang läuft noch. Auch wenn der Mensch neben dir heute weder dich bedrohen noch vereinnahmen will.
Wenn Nähe früher mit Druck, Kontrolle oder dem Gefühl, verschluckt zu werden, verbunden war, hat dein System eine klare Verknüpfung gespeichert: Kontakt ist gleich Gefahr. Heute sabotierst du die Verbindung nicht, weil du nicht lieben willst, sondern weil ein Teil von dir immer noch versucht, dich zu retten.
In der Arbeit mit meinen Klienten zeigt sich das sehr unterschiedlich. Eine Frau erzählte mir neulich, dass sie sich beim Sex innerlich wie tot stellt, um die Intensität überhaupt auszuhalten. Ein anderer beschrieb es so, als würde er eine schwere Tür mit aller Kraft zuhalten, aus Angst, dass er sich selbst komplett verliert, wenn er sie nur einen Spalt weit öffnet.
Warum wollen wir Nähe und weichen ihr gleichzeitig aus?
Gleichzeitig sind wir auf Nähe und Sicherheit angewiesen, seit frühester Kindheit. Damit sind wir innerlich in einem Konflikt: wir suchen Nähe, aber vermeiden sie gleichzeitig. Vielleicht halten wir die Nähe eine Zeitlang aus, dann wird es zu viel.
Und so kommt es zu dem bekannten Phänomen, das Amir Levin den "Push-Pull"-Zyklus nennt: Ein Partner sucht Distanz, der andere reagiert mit größerem Nähe-Wunsch, worauf der Distanz-Suchende umso mehr mit Rückzug reagiert. Das ist eine der am häufigsten gesuchten Problembeschreibungen von Paaren im Internet. Das kann sich in kleinen Situationen zeigen wie in bedeutenderen.
Das Schaubild unten zeigt, wie dieser Kreislauf aus eigenem Antrieb weiterläuft, ohne dass einer der Beteiligten es wirklich will:
[Kreislauf-Diagramm: Partner A zieht sich zurück → Partner B erhöht Druck → Rückzug verstärkt sich → Druck wird stärker]
Wie kann man aus diesem Kreislauf herausfinden?
Wir schauen uns die Intelligenz an, die hinter deinem Widerstand steckt. Wenn wir mit dem Körper arbeiten, mit NARM Touch, können wir zum Beispiel Verlangsamung einsetzen, um die feinen Impulse spürbar zu machen, bevor der automatische Rückzug einsetzt.
Oder wir nutzen einfache Elemente des Tango als Labor. Da wird sofort körperlich greifbar, was auf subtiler Ebene passiert:
Kannst du dein Gewicht bei dir behalten, während du die Hand des anderen hältst? Verlierst du deine Mitte, sobald dich jemand bewegt?
Das heißt, unsere Session ist keine Analyse-Sitzung, sondern ein praktisches Ausprobieren und eine Annäherung, und eine Schulung des Bewusstseins für die Impulse. Dabei muss ich den Tango übrigens nicht kennen, und du auch nicht.
Die Arbeit mit NARM, dem NeuroAffektiven Relationalen Modell nach Dr. Laurence Heller, geht davon aus, dass diese Muster im Körper gespeichert sind und sich über neue körperliche Erfahrungen verändern lassen, weniger über Einsicht allein. Das ist der Kern dessen, was ich in meiner Praxis in Wiesbaden tue.
Häufige Fragen
Ist das ein Beziehungsproblem oder ein persönliches Problem?
Beides, aber das ist keine hilfreiche Unterscheidung. Wer Nähe als bedrohlich erlebt, hat das in einer frühen Beziehung gelernt, meistens lange bevor die aktuelle Partnerschaft überhaupt existierte. Das Muster gehört der Person, aber es zeigt sich in der Beziehung. Deshalb arbeite ich sowohl mit Einzelpersonen als auch mit Paaren an diesem Thema.
Kann man das verstehen, ohne es körperlich zu erarbeiten?
Verstehen hilft, aber es reicht oft nicht. Viele meiner Klienten kommen mit dem guten Überblick über ihre Geschichte und wissen, warum sie so reagieren. Und trotzdem passiert im entscheidenden Moment dasselbe wie vorher. Das implizite Gedächtnis, also das, was der Körper gespeichert hat, spricht eine andere Sprache als der Verstand.
Für wen eignet sich diese Arbeit?
Für Einzelpersonen, die merken, dass Nähe in ihren Beziehungen regelmäßig schwierig wird, unabhängig davon, wen sie gerade vor sich haben. Und für Paare, die im selben Kreislauf feststecken, auch wenn sie ihn schon benennen können. Tango-Erfahrung ist dafür ausdrücklich nicht nötig.
Was ist NARM und wie hilft es bei Nähe-Distanz-Problemen?
NARM (NeuroAffektives Relationales Modell, entwickelt von Dr. Laurence Heller) ist ein therapeutischer Ansatz, der bei den emotionalen Prägungen aus früher Kindheit ansetzt — bei Mustern wie Scham, Selbstverlust oder der Unfähigkeit, sich auf andere einzulassen. Der Körper ist dabei nicht das Ziel, sondern ein Fenster: er zeigt, was emotional noch nicht integriert ist. Bei Nähe-Distanz-Dynamiken macht NARM die ursprüngliche Verknüpfung zwischen Kontakt und Gefahr sichtbar — und schafft Raum für neue emotionale Erfahrungen.
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