Verfolgung und Rückzug - ein Muster
- 14. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Tagen

Manche Paare in heftigem Konflikt kennen folgendes: ein Partner möchte sich dem akuten Konflikt entziehen und will den Raum verlassen. Der andere Partner hält das nicht aus und - ganz wörtlich - verfolgt den anderen, läuft hinterher und "kann einfach nicht aufhören".
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TLDR: Dieser Post beschreibt Szenarien von Paarkonflikt, aufbauend auf Teil 1. Rückzug und Verfolgung, Sexualität, Konditionierung, Selbsteinsicht..
Verfolgung und Rückzug
Das obige Beispiel ist nicht immer so ausagiert. Manchmal in weniger spektakulärer Form Das Muster ist das gleiche.
Der eine sucht Nähe — will reden, will sich verbinden, will gesehen und verstanden werden. Der andere zieht sich zurück — braucht Abstand, Stille, Raum für sich.
Von außen sieht das aus wie ein Konflikt über Bedürfnisse. Zu viel Nähe gegen zu wenig. Zu viel Forderung gegen zu viel Distanz.
Aber wenn man genauer hinschaut, ist es meistens kein Konflikt über Bedürfnisse — es ist ein Tanz zweier Schutzmuster.
Der eine hat gelernt: wenn ich keinen Kontakt herstelle gibt es keinen, und das fühlt sich unaushaltbar an - wie früher einmal. Ich laufe hinterher.
Der andere hat gelernt: wenn mir jemand zu nahe kommt, fühlt sich das überfordernd an und verliere ich mich. Ich renne weg.
Beide reagieren auf eine tiefe Not. Beide sind in ihrem Überlebensmodus. Und beide lösen beim anderen genau das aus, wovor der andere am meisten Angst hat. Je mehr einer wegläuft, desto mehr fühlt der andere den "Zwang" hinterherzulaufen.
Wie das NARM Therapie Modell dies sieht

Hier hilft kein Appell an Verstand.
Das NARM-Modell hilft mir, diese Muster zu verstehen, ohne sie zu pathologisieren.
Wir sprechen von Überlebensstilen als Beschreibung davon, wie jemand als Kind gelernt hat, unter schwierigen Umständen in Beziehungen zu überleben.
Jemand, dessen Nervensystem früh gelernt hat, Bedürfnisse klein zu halten und zu ignorieren, wird in Intimität vielleicht sehr viel geben — und gleichzeitig nie das Gefühl haben, genug zu bekommen. Sein Nervensystem hat nicht gelernt hat, Zuwendung wirklich hereinzulassen und fühlen zu können.
Jemand, der früh erlebt hat, dass Bindung mit Kontrollverlust verbunden ist, wird Nähe suchen und gleichzeitig fürchten. Er oder sie wird vielleicht in dem Moment, wo Verbindung am nächsten ist, am stärksten weglaufen - trotz grosser Sehnsucht danach.
Nebenher: in der Bindungstheorie wird dieser Loop "Avoidant-Anxious Trap" genannt: die Falle wenn der "ängstliche Bindungstyp" mit dem "vermeidenden" zusammen ist und das nicht regulieren kann.
Einsicht in unsere Konditionierung ist schon erste Hilfe
Ich sage das nicht, um Verhalten zu erklären oder zu entschuldigen. Ich sage es, weil diese Erkenntnis etwas verändert. Wenn ich verstehe, dass der Rückzug meines Partners kein Ausdruck von mangelnder Liebe ist, sondern ein automatischer Schutz seines Nervensystems — dann ändert sich die Art, wie ich fühle und reagiere. Weniger Flucht oder Angriff.
Und genau das ist die Arbeit: diese Distanz zwischen dem Erleben und der Reaktion zu öffnen. Einen Moment Pause einzuführen. Zu fragen: Was passiert gerade in mir? Was brauche ich eigentlich? Was trage ich unbewusst durch die Fortsetzung meiner Schutzstrategien von damals heute selber dazu bei?
Selbstwirksamkeit (Agency) als Schlüssel
In der Paarsitzung lade ich beide ein, von außen auf die Dynamik zu schauen. Nicht wer hat recht, nicht wer ist schuld. Sondern: Was passiert hier gerade zwischen euch?

Sehr oft — wenn beide Nervensysteme einigermaßen reguliert sind — ist das ein Moment echter und gefühlter Einsicht. Die Paare merken: Ah. Wir machen das schon lange. Wir sind in einem Tanz gefangen. Und wir haben beide dazu beigetragen.
Es ist die Einladung, "Agency" (Selbstwirksamkeit) zu entwickeln: die Fähigkeit zu spüren, dass man in der eigenen Reaktion eine Wahl hat. Und da nicht alles, was sich wahr anfühlt, real ist, sondern auf einer Erinnerung im Nervensystem basiert, was nur versucht vor dem Schmerz von damals zu bewahren, obwohl der heute nicht mehr wirklich existenziell wäre.
Die schwierige Frage nach dem Wunsch
Zu Beginn steht immer die Frage nach dem WUnsch.
Die falsche Frage ist: Was willst du, dass der andere ändert? Die richtige Frage ist Was wünschst du dir eigentlich für dich — jenseits von Konflikt und Vorwürfen?
Diese Frage führt sehr schnell zu etwas Echtem. Unter dem Streit liegt meistens etwas sehr Einfaches.
Gesehen werden.
Sich in sich selbst sicher fühlen.
Sich berührt fühlen, ohne innerlich zu verschwinden.
Sich geliebt fühlen, ohne Angst vor Kontrollverlust und Demütigung, ohne sich selbst aufzulösen.
Die tiefe Sehnsucht im Kontakt mit einem andern Menschen ganz entspannt man selbst zu sein und sich wirklich verbunden zu fühlen.
Wenn jemand das ausspricht — wirklich, nicht als Anklage, sondern als Wunsch — passiert meistens etwas im Raum. Der andere hört anders zu. Weil es plötzlich nicht mehr um Schuld geht, sondern um Sehnsucht.
Sexualität in der Paartherapie: der Spiegel der Verbindung
Ich möchte noch kurz über Sexualität sprechen, weil das ein Bereich ist, der in der Paartherapie besonders oft vermieden wird. Für viele zu heikel, zu intim, zu schambesetzt.
Aber Sexualität ist aus NARM-Perspektive kein separates Thema. Sie ist ein Spiegel des gesamten Verbindungssystems.

Lust braucht ein Nervensystem, das Erregung zulassen kann und sich dabei sicher genug im Kontakt anfühlt, um übermässige Kontrolle loszulassen und Hingabe zu ermöglichen. Das ist neurobiologisch anspruchsvoll.
Wenn jemand früh erlebt hat, dass sich Nähe gefährlich und überfordernd anfühlt, wird genau dieser Moment — wenn Intimität am tiefsten sein könnte — subjektiv zum Moment größter Bedrohung. Der Körper schützt sich, weil er noch nicht verstanden hat, oder vertrauen kann, dass es heute tatsächlich anders, nämlich erfüllend sein könnte. Und selbst wenn gerade etwas nicht passen sollte, ist es nicht mehr wirkloich bedrohlich, nur schade und vielleicht schmerzhaft. Die Wahrnehmung bzw. Deutung als bedrohlich und existenziell stammt aus der Kindheit. ALs Erwachsener haben wir völlig andere öglichkeiten und Ressourcen, die wir oft nicht realisieren können. Dafür ist die NARM Arbeit da...
Anmerkung: es gibt natürlich auch andere möglich Gründe für sexuelle Paarprobleme. Ich will es hier nicht vereinfachen. Zum Beispiel schätze ich - auch aus eigener Erfahrung - das "Erotic Blueprint" Modell von Jaya Ma.
Kleinschrittige Arbeit für "Begegnung ohne Verschmelzung und ohne Abwehr"
Was mir in dieser Arbeit wirklich hilft, ist langsam und kleinschrittig vorzugehen. Sehr langsam. Nicht auf Lösungen hinzuarbeiten, sondern auf Kontakt. Vor allem mit sich selbst.
Wenn beide Partner sich in einem Moment echter Präsenz begegnen — nicht aufgelöst, nicht verschmolzen, nicht abwehrend, sondern wirklich da und wirklich sie selbst, dann ist das mehr als jeder erarbeitete Kompromiss auf der Verhaltensebene.
Und diese Einladung (das zu halten, den Raum zu halten, in dem sich Schutzschichten ein Stück weit öffnen können) das ist das, was ich in meiner Arbeit wirklich liebe und zu schätzen gelernt habe.
Wenn du das Gefühl hast, dass das, was ich beschreibe, sich nach deiner Situation anfühlt, dann schreib mir gern. Du findest meine Kontaktdaten auf rotraut-rumbaum.de.
Ein erstes kurzes Gespräch per Telefon ist unverbindlich (0162 877 8212(
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