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Rotraut Rumbaum

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Mindful Motion

Therapeutische Tango-Umarmung: Ein Mann lernt, seinen Arm im Kontakt zu spüren und wirklich zu berühren

  • 14. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Tagen


Tango Umarmung mit Hand im Rücken unter fliegenden langen Haaren.

TL;DR: In einer NARM Stunde mit Tango-Elementen erlebt ein Klient, wie die Erfahrung eines präsenten Armes in meinem Rücken emotional mehr in ihm verändert als viele Gespräche über Nähe. Er hatte aufgehört, sich als Neutrum zu fühlen und begann, mit sich selbst als Mann in Kontakt zu kommen. Der Post zeigt, wie das möglich wurde.


Sich erstmal selbst gut spüren


Er möchte zunächst alleine durch den Raum gehen, um sich erst mal selbst gut zu spüren. Zu Tango-Musik, aber noch ohne physischen Kontakt mit mir. Ich habe ihm gesagt, dass er mir ein Zeichen geben kann, sobald er bereit für das gemeinsame Gehen ist. Er läuft ein paar mal an mir vorbei, schaut mich ab und zu kurz an, lächelt verlegen und läuft noch eine Runde alleine weiter. Und noch eine...


Die Ambivalenz zwischen Wunsch nach Nähe und der Beschämung darüber

Seine Ambivalenz bewegt sich zwischen dem Wunsch nach Kontakt und der selbstverständlichen Überzeugung, dass sich das irgendwie bedrohlich anfühlen könnte, auch wenn er im tiefsten Inneren weiß, das sich das im Kontakt mit mir höchstwahrscheinlich nicht bestätigen wird. Dieser Umstand wirkt auf ihn zwar einladend und irgendwie erleichternd, aber gleichzeitig auch auch beängstigend da das unbekannt und dadurch beängstigend wirkt.

Er hat sein Leben lang das eigene Verlangen nach emotionalem und körperlichem Kontakt aufgrund sehr früher schmerzhafter, existenzieller Abweisungserfahrung in seinem Leben so lange und so weit verdrängt, bis er es nicht mehr fühlte. Es war normal geworden, sich mit seinen Bedürfnissen irgendwie unsichtbar zu machen und das als völlig selbstverständlich empfinden.


Die Folge dieser frühen Prägung war, dass er sich davor fürchtete, seine Gefühle und Bedürfnisse zu fühlen und in Kontakt zu bringen. Er fürchtete, die eigene Präsenz ganz allgemein, aber besonders auch als Mann, könnte in ihm selbst und in anderen etwas auslösen, das er als beängstigend erleben würde und mit dem er dann nicht mehr umzugehen wüsste.


Als Neutrum fühlte er sich sicherer. Frauen als Frauen wahrzunehmen und und sich selbst als Mann, war immer alles andere als selbstverständlich. Es fühlte sich immer irgendwie verboten an. Selbst aus der Ferne eine Frau einfach nur gerne anzusehen und attraktiv zu finden, oder beim Tanzen zu beobachten erzeugte in ihm Scham. Er fühlte sich wie ein Voyeur.


NARM setzt genau dort an, bei diesen frühen Prägungen und daraus resultierenden Schutzstrategien. Mein Klient ist oft funktional anwesend, aber innerlich nicht wirklich spürbar. Weder körperlich noch emotional präsent. Er sehnt sich in der Tiefe aber heimlich nach einer Verbundenheit, die er gar nicht kennt. Im Kontakt hält er aber die "Tür zum anderen", aus Angst, Unsicherheit und Gewohnheit innerlich fest verschlossen. Er ist aber inzwischen offen und mutig genug, neues zu erforschen und zu erfahren. Seine Sehnsucht nach sich selbst überwiegt.


Die Weggabelung


In der Arbeit mit mir erlebt er, das sein inneres Erleben und seine Körperempfindungen ernstgenommen und respektiert werden. Er merkt wie dominant seine verdrängten Emotionen und Bedürfnisse eigentlich sind und wieviel Energie es kostet, diese Identifikationen aus der Kindheit lebendig zu halten. Er steht an einer Weggabelung. Sein Körper offenbart den alten Schrecken und die alte Ohnmacht, aber im konkreten Kontakt mit mir spürt er zunehmend seine eigentliche Sehnsucht: Im Kontakt sich selbst gut spüren und sich auch in einem nahen Kontakt sicher, verbunden und als Mann fühlen können. Er merkt, es ist an ihm, sich zu entscheiden, ob er heute als Erwachsener weiter seiner alten kindlichen Angst oder seiner Sehnsucht als Erwachsener folgen möchte.



Was passiert, wenn jemand in seinen berührenden Arm hineinspürt und sich erlaubt, ganz da zu sein - Berührung wirklich zu erleben


Zurück zu unserer Tango - NARM Stunde:

Irgendwann kommt sein Zeichen. Wir beginnen gemeinsam in Umarmung zu laufen, eng, und ich merke nach einer Weile, dass sein Arm in meinem Rücken zwar vorhanden ist, aber ohne Gefühl und Präsenz, ohne Gewicht und Energie. Ich spüre IHN nicht. Ich sage ihm das als Einladung: Er darf spüren, ob er mir seinen Arm und das Geschenk seiner Berührung machen möchte. Ob er erforschen mag, sich in den Kontakt hinein zu geben.

Das klingt wie ein kleiner Unterschied, der sich aber riesig anfühlt.


Er probiert es. Und dann sagt er nachher, das war ein wichtiger Moment für ihn: dass er seine Hand in meinem Rücken hat lebendig werden lassen und mich wirklich berührt hat. Die befürchtete Angst, zu viel zu sein, oder von seinen Emotionen überflutet zu werden, ist nicht eingetreten. Er stellt erstaunt fest, dass ihn das stabilisiert, beruhigt und irgendwie erwachsener fühlen lässt.


Die Logik dahinter ist interessant: Durch das Zurückhalten hatte er sich selbst destabilisiert. Indem er sich erlaubt hat, präsent zu sein, wurde er ruhiger und stabiler. Er beschreibt es so: "Ich nehme irgendwie mehr am Leben teil, fühle mich mehr da".


Wie absichtsloser Kontakt ohne Erwartungsdruck wirkt


Bevor wir neu beginnen, schaue ich ihn mit einem freundlichen Lächeln bewusst kurz an. Und er sagt später auf meine Nachfrage, dass ihm das fast unwirklich vorkam, dass es sich anfühlte wie zu schön, um wahr zu sein. Er fühlte sich gesehen und persönlich gemeint. Es fühlte sich an, als würde er dadurch irgendwie realer werden.


Das sagt viel darüber, was er vermutlich in seinen ersten Lebensjahren erfahren hat. Körperlicher und emotionaler Kontakt wurde von ihm weder als selbstverständlich noch sicher erlebt. Es offenbart den daraus resultierenden inneren Kernkonflikt zwischen großer Sehnsucht nach und großer Unsicherheit im Kontakt mit Menschen.

Freundlich angeschaut, zugewandt und absichtslos berührt zu werden, ohne dass etwas erwartet oder gefordert wird, war für ihn keine Selbstverständlichkeit. Ähnliches begegnet mir immer wieder. Auch da, wo es an der Oberfläche ganz anders aussieht.


Warum Tango in der NARM-Arbeit funktioniert


Was ich an meinem Ansatz Mindful Motion Tango in der therapeutischen Arbeit schätze, ist diese sehr direkte Möglichkeit, etwas zu erforschen, das sonst abstrakt bleibt.


Ich kann mit jemandem zehnmal über Nähe reden, über die Sehnsucht danach und die Angst davor. Aber wenn er dann in einer Umarmung steht und zu seiner eigenen Überraschung merkt, dass sein eigenes aktives in Kontakt gehen und körperliches Berühren ihn eher beruhigt, stabilisiert und realer fühlen lässt anstatt überfordert, dann ist das eine sehr konkrete, bleibende Erfahrung. Das ist etwas ganz anderes. Sie landet körperlich.


Im NARM gehen wir davon aus, dass frühe Prägungen über emotionales und körperliches Erleben innerhalb einer zwischenmenschlichen Begegnung erreichbar sind und sich aus sich heraus verändern können. Das kann ich ausdrücklich bestätigen.


Annahmen über sich selbst entlarven, die gar keinen Bestand mehr haben


Gegen Ende der Stunde sagt mein Klient, es sei so erstaunlich, dass seine üblichen Befürchtungen und Vermeidungsstrategien, die ganze Scham, die untergründige Angst und all diese Vorstellungen über sich als Mann, in der tatsächlichen Begegnung dann einfach nicht da waren!


Die Begegnung fühlte sich für ihn unerwartet natürlich und selbstverständlich an.


Er realisiert, wie viel Annahmen er über sich selbst und über Beziehungen in sich trägt, die er immerzu unbewusst fortsetzt, obwohl diese offenbar in der Realität heute als Erwachsener gar keinen Bestand mehr haben.

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