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Berührung in der Therapie? Wie Tango-Umarmung in der Therapie für das Selbst-Gefühl wegweisend sein kann.

  • 14. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Tango Umarmung mit Hand im Rücken unter fliegenden langen Haaren.

TLDR: Sein Arm an meinem Rücken verändert das Selbst-Empfinden von "Neutrum" zu Mann. Ein Beispiel, wie wir meine Vergangenheit als Tango-Lehrerin im therapeutischen Kontext als praktisches Übungs-Feld nutzen können.

Berührung in der Therapie: umstritten?

Mein "körperorientierter" Ansatz, im Rahmen der NARM Methode (NeuroAffektives Relationales Modell), erlaubt auch explizit Berührung zwischen Klienten und mir, sowohl mit Frauen wie mit Männern. Das war lange Zeit eher ein Tabu. Heute beginnt sich das - in einem explizit "geschütztem Rahmen" - wieder zu ändern, zum Beispiel mit NARM-Touch. Oder, mit meiner eigenen Variante, in der ich meine lange Erfahrung mit Männern und Frauen in meinem Arm als Tango-Argentino Lehrerin einsetze.

Dieser Text ist eine Illustration mit einem leicht veränderten Fall.

Der Beginn: sich selbst spüren

Um sich erst mal selbst gut zu spüren, möchte er zunächst alleine durch den Raum gehen, Noch ohne physischen Kontakt mit mir, nur zu Musik. Ich habe ihm gesagt, dass er mir ein Zeichen geben kann, sobald er bereit für das gemeinsame Gehen ist. Er läuft ein paar Mal an mir vorbei, schaut mich ab und zu kurz an, lächelt verlegen und läuft noch eine Runde alleine weiter. Und noch eine...

Ambivalenz: Nähe-Wunsch vs Scham

Seine Ambivalenz bewegt sich zwischen dem Wunsch nach Kontakt und der selbstverständlichen Überzeugung, dass sich das irgendwie bedrohlich anfühlen könnte, auch wenn er im tiefsten Inneren weiß, dass sich das im Kontakt mit mir höchstwahrscheinlich nicht bestätigen wird. Dieser Umstand wirkt auf ihn zwar einladend und irgendwie erleichternd, aber gleichzeitig auch auch beängstigend.

Die Angst, zuviel zu sein

Er hat sein Leben lang das eigene Verlangen nach emotionalem und körperlichem Kontakt aufgrund sehr früher schmerzhafter, existenzieller Abweisungserfahrung in seinem Leben so lange und so weit verdrängt, bis er es nicht mehr fühlte. Es war normal geworden, sich mit seinen Bedürfnissen irgendwie unsichtbar zu machen und das als völlig selbstverständlich zu empfinden.

Die Folge dieser frühen Prägung war, dass er sich davor fürchtete, seine Gefühle und Bedürfnisse zu fühlen und in Kontakt zu bringen. Er fürchtete, die eigene Präsenz ganz allgemein, aber besonders auch als Mann, könnte in ihm selbst und in anderen etwas auslösen, das er als beängstigend erleben würde und mit dem er dann nicht mehr umzugehen wüsste.

Die Angst und die Sehnsucht: ein tiefer innerer Konflikt

Als Neutrum fühlte er sich sicherer. Frauen als Frauen wahrzunehmen und und sich selbst als Mann, war immer alles andere als selbstverständlich. Es fühlte sich immer irgendwie verboten an. Selbst aus der Ferne eine Frau einfach nur gerne anzusehen und attraktiv zu finden, oder beim Tanzen zu beobachten erzeugte in ihm Scham. Er fühlte sich wie ein Voyeur.

Mein Klient ist oft funktional anwesend, aber innerlich nicht wirklich spürbar, weder körperlich noch emotional präsent.

Er sehnt sich in der Tiefe aber heimlich nach einer Verbundenheit, die er gar nicht kennt. Im Kontakt hält er aber die "Tür zum anderen", aus Angst, Unsicherheit und Gewohnheit innerlich fest verschlossen.

Reale Berührung: das Bewusstwerden

In der Arbeit mit mir erlebt er, dass sein inneres Erleben und seine Körperempfindungen ernst genommen und respektiert werden. Er merkt wie dominant seine verdrängten Emotionen und Bedürfnisse eigentlich sind und wie viel Energie es kostet, diese Identifikationen aus der Kindheit lebendig zu halten.

Er steht an einer Weggabelung. Sein Körper offenbart den alten Schrecken und die alte Ohnmacht, aber im körperlichen Tango-Kontakt mit mir spürt er zunehmend seine eigentliche Sehnsucht: Im Kontakt sich selbst gut spüren und sich auch in einem nahen Kontakt sicher, verbunden und als Mann fühlen können. Er merkt, es ist an ihm, sich zu entscheiden, ob er heute als Erwachsener weiter seiner alten kindlichen Angst oder seiner Sehnsucht als Erwachsener folgen möchte.

Tango-Präsenz als Türoffner in der Therapie

Hände ineinander verschlundgen

Zurück zu unserer Tango - NARM Stunde:

Irgendwann kommt sein Zeichen. Wir beginnen gemeinsam in Umarmung zu laufen, eng, und ich merke nach einer Weile, dass sein Arm in meinem Rücken zwar vorhanden ist, aber ohne Gefühl und Präsenz, ohne Gewicht und Energie. Ich spüre IHN nicht. Ich sage ihm das als Einladung: Er darf spüren, ob er mir seinen Arm und das Geschenk seiner Berührung machen möchte. Ob er erforschen mag, sich in den Kontakt hinein zu geben.

Das klingt wie ein kleiner Unterschied. Er fühlt sich aber riesig ain.

Er probiert es. Und dann sagt er nachher, das war ein wichtiger Moment für ihn: dass er seine Hand in meinem Rücken hat lebendig werden lassen und mich wirklich berührt hat. Die befürchtete Angst, zu viel zu sein, oder von seinen Emotionen überflutet zu werden, ist nicht eingetreten. Er stellt erstaunt fest, dass ihn das stabilisiert, beruhigt und irgendwie erwachsener fühlen lässt.

Die Logik dahinter ist interessant: Durch das Zurückhalten hatte er sich selbst destabilisiert. Indem er sich erlaubt hat, präsent zu sein, wurde er ruhiger und stabiler. Er beschreibt es so: "Ich nehme irgendwie mehr am Leben teil, fühle mich mehr da".

Wie absichtsloser Kontakt ohne Erwartungsdruck wirkt

Bevor wir neu beginnen, schaue ich ihn mit einem freundlichen Lächeln bewusst kurz an. Und er sagt später auf meine Nachfrage, dass ihm das fast unwirklich vorkam, dass es sich anfühlte wie zu schön, um wahr zu sein. Er fühlte sich gesehen und persönlich gemeint. Es fühlte sich an, als würde er dadurch irgendwie realer werden.

Das sagt viel darüber, was er vermutlich in seinen ersten Lebensjahren erfahren hat. Körperlicher und emotionaler Kontakt wurde von ihm weder als selbstverständlich noch sicher erlebt. Es offenbart den daraus resultierenden inneren Kernkonflikt zwischen großer Sehnsucht nach und großer Unsicherheit im Kontakt mit Menschen.

Freundlich angeschaut, zugewandt und absichtslos berührt zu werden, ohne dass etwas erwartet oder gefordert wird, war für ihn keine Selbstverständlichkeit. Ähnliches begegnet mir immer wieder. Auch da, wo es an der Oberfläche ganz anders aussieht.

Warum funktioniert das? Es ist konkretes Erleben in realer Beziehung

Was ich an meinem Ansatz Mindful Motion Tango in der therapeutischen Arbeit schätze, ist diese sehr direkte Möglichkeit, etwas zu erforschen, das sonst abstrakt bleibt.

Ich kann mit jemandem zehnmal über Nähe reden, über die Sehnsucht danach und die Angst davor. Aber wenn er dann in einer Umarmung steht und zu seiner eigenen Überraschung merkt, dass sein eigenes aktives in Kontakt gehen und körperliches Berühren (hier die Tango Umarmung) ihn eher beruhigt, stabilisiert und realer fühlen lässt anstatt überfordert, dann ist das eine sehr konkrete, bleibende Erfahrung. Das ist etwas ganz anderes. Sie landet körperlich.

Im NARM gehen wir davon aus, dass frühe Prägungen über emotionales und körperliches Erleben innerhalb einer zwischenmenschlichen Begegnung erreichbar sind und sich aus sich heraus verändern können. Das kann ich ausdrücklich bestätigen.

Annahmen über sich selbst entlarven, die gar keinen Bestand mehr haben

Gegen Ende der Stunde sagt mein Klient, es sei so erstaunlich, dass seine üblichen Befürchtungen und Vermeidungsstrategien, die ganze Scham, die untergründige Angst und all diese Vorstellungen über sich als Mann, in der tatsächlichen Begegnung dann einfach nicht da waren!

Die Begegnung fühlte sich für ihn unerwartet natürlich und selbstverständlich an.

Er realisiert, wie viele Annahmen er über sich selbst und über Beziehungen in sich trägt, die er immerzu unbewusst fortsetzt, obwohl diese offenbar in der Realität heute als Erwachsener gar keinen Bestand mehr haben.

Tango und NARM-Touch als Erforschungs-Räume für Distanz und Nähe

Weder bei Tango noch bei NARM-Touch geht es um die Berührung als solche. Da eigentliche Ziel ist die Erforschung - und wenn das dein Wunsch ist, Veränderung - deines eigenen Verhältnisses zu Distanz und Nähe.

Zum Beispiel kann man mit Tango Argentino auch ohne REALE Berührung fein spüren, was sich schon beim Aufeinander-zu-Gehen oder Entfernen in einem verändert: welche Signale kommen bei welcher Distanz nach oben? Auch NARM-Touch erfordert keine reale Berührung: schon die Vorstellung dass sie möglich wäre, kann etwas auslösen. In beiden Ansätzen geht es also um viel subtileres, das oft im Hintergrund wirkt. Kontaktiere mich,wenn du vielleicht mit so etwas arbeiten möchtest. In einem kostenlosen Erstgespräch kann ich dir mehr erläutern.

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