Internal Family Systems und NARM: Vom Umgang mit Anteilen zur Des-Identifikation
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Auch ich arbeite gelegentlich mit so etwas wie den inneren Teilen (meist "das innere Kind"). Aber während IFS den Umgang mit inneren Anteilen lehrt, ziele ich auf größere Freiheit von ihnen ab. Das sind unterschiedliche Perspektiven.
Was ist IFS?
IFS (Internal Family Systems) ist eine sehr populäre Therapie-Methode von Richard Schwartz. IFS behandelt das innere Erleben als Versammlung von "Anteilen", die als eigenständige Akteure mit eigenem Willen auftreten. Da gibt es zum Beispiel Beschützer oder "Exiles" oder Manager.
Die neuere Entity-Arbeit von Richard Schwartz und Bob Falconer geht noch weiter: Destruktive Impulse können dort als fremde Wesenheiten gelten, die fast schamanisch vertrieben werden müssen.
Was ist aus NARM Sicht problematisch in IFS?
Aus NARM-Sicht verliert man damit den Zugang zur Frage, wie man selbst seine Erfahrungen innerlich organisiert. Zudem führt die Aufspaltung in unterschiedliche Anteile eher zu mehr Fragmentierung, was aus NARM Sicht kontraproduktiv für Entwicklung, Desidentitafikation mit früh gelernten Schutzstrategien ist.
Man beginnt leicht, diese Teile als real zu sehen, sich mit ihnen zu identifizieren (es sind ja "meine Teile") und vermeidet die reale Kapazität und Verantwortung, die wir als Erwachsene für uns selbst haben.
In NARM fokussieren wir darauf, sich von den eigenen kindlichen Anteilen und "Überlebensstrategien" zu desidentifizieren, also sich selber als Akteur zu erkennen. Der Unterschied ist subtil, aber hoch relevant: Im IFS ist das sogenannte "Selbst" nur ein Anteil unter vielen - wenn auch ein wichtiger. Im NARM geht es dagegen ganz zentral um das Selbst.
Das "Selbst" in Internal Family Systems und NARM
In IFS ist das "Self" eine besondere Qualität, ein Zustand, den man erreicht oder in den man geführt wird. Es hat spezifische Eigenschaften (die "8 C's": Curiosity, Calm, Clarity usw.). Es ist etwas, das man kultiviert oder freilegt.
In NARM gibt es kein entsprechendes Konstrukt. Das Erwachsenenbewusstsein ist keine besondere Qualität, sondern schlicht der Ausgangspunkt. Es ist nicht etwas, das man erreicht , sondern es ist das, was bereits da ist. Unabhängig davon, wie es sich anfühlt. man hört auf, sich mit dem kindlichen Muster zu identifizieren. Heller würde sagen: Die Frage ist nicht "Wie komme ich ins Self?", sondern "Womit bin ich gerade identifiziert? Wofür dient mir das gerade?"
Der praktische Unterschied: In Internal Family Systems kann das Self zum Ziel werden, zu einem inneren Zustand, den man anstrebt. Das birgt das Risiko einer weiteren Identifikation mit dem "gesunden Kern." NARM umgeht das, indem es gar kein Ziel-Selbst definiert. Außerdem kann man laut NARM das Selbst nicht verlieren. Lediglich die Verbindung dazu kann sich durch ehemals intelligente Überlebensstrategien und die gelernten Identitäten verloren gegangen oder überlagert anfühlen. NARM hilft, diese Schichten abzutragen.
Ein Beispiel: Das "Innere Kind" in Internal Family Systems und NARM
Ich selber arbeite gelegentlich auch mit etwas, das "Teilen" nahekommt: zum Beispiel das "Innere Kind". Hier ein Beispiel mit einer Klientin die ich hier Johanna nenne (ein realer Fall). Ich zeige erst meine Arbeit, dann wie ich es mir mit IFS vorstelle.
Das innere Kind in NARM
Johanna kommt in die Sitzung mit einem Muster, das sie selbst nicht versteht: Sie sehnt sich nach Kontakt, und gleichzeitig hält sie mögliche emotionale und körperliche Nähe mit aller Kraft auf Abstand. In einer Selbsterforschung wird ihr plötzlich bewusst, dass sie sich trotz ihres Bedürfnisses nach Kontakt innerlich mit dem Fuß gegen die Tür stemmt, diese aktiv zuhält und Begegnung selbst verhindert. Als sie dann sich selbst als Kind hinter dieser Tür wahrnimmt, ein kleines Mädchen mit großer Angst, verändert sich etwas. Sie nimmt sie in Gedanken auf den Arm und in diesem Moment bricht das jahrzehntelange Gegenhalten zusammen. Sie erkennt, dass ganz real heute als Erwachsene nicht automatisch eine Katastrophe geschehen würde, wenn sie jemanden näher an sich heranließe - vielleicht, enttäuschend, schmerzhaft, aber nicht existenziell.
Sie merkt, sie muss die Tür nicht mehr bewachen, weil sie selbst entscheiden kann, ob, wann und für wen sie sie öffnet. Und dass sie heute im Gegensatz zu früher nicht mehr ausgeliefert ist, auch wenn es sich vielleicht noch so anfühlt.
Das Innere Kind in IFS
In IFS würde Johannas innere Szene als Begegnung zwischen verschiedenen Anteilen inszeniert. Die Tür, die sie zuhält, ist ein Beschützer-Anteil, ein sogenannter Manager, der einen verletzten, verbannten Anteil (das ängstliche Mädchen) von bewusstem Erleben fernhält. Die therapeutische Arbeit würde darin bestehen, zunächst mit dem Beschützer in Dialog zu treten, seine Absicht zu würdigen, und erst mit seiner Erlaubnis Kontakt zum verbannten Anteil aufzunehmen.
Der Unterschied: vom Umgehen mit Anteilen zur Des-Identifikation von fragmentierten Anteilen
Das klingt vielleicht erstmal ähnlich. Der Unterschied ist aber wesentlich. Er liegt in der inneren Konstellation und der Rolle die du als Klient einnehmen würdest:
IFS: Du wärst danach jemand, der seine Anteile kennt und mit ihnen umgeht.
In IFS bekommt jeder Anteil eine Stimme und einen Platz im inneren System. Das Kind hinter der Tür ist ein "Exile" mit eigenem Status. Ich als Therapeut begleite dich dabei, diesen Anteil zu "entlasten" und zu "reintegrieren."
NARM: Du wärst danach jemand, der sich weniger mit den alten Schutzmustern identifiziert sondern seinem Wesenskern und seiner realen Erwachsenenkapazität näher kommt.
Was bedeutet das konkret für dich als Klient? In der Arbeit mit Johanna gab es einen Moment, in dem sie das Kind wahrnahm und gleichzeitig merkte: Ich bin nicht dieses Kind. Ich schaue auf es. Das ist aber der entscheidende Unterschied. Solange du dich mit dem ängstlichen Kind identifizierst, reagierst du aus ihm heraus, ohne es zu merken. Du hältst die Tür weiterhin zu, weil es damals Angst hatte. Auch wenn heute real vielleicht eher die Erfüllung deiner Sehnsucht dahinter wartet. Wenn du erkennst, dass du dich mit dem Kind von damals identifizierst, entsteht ein Spielraum. Du kannst entscheiden, ob du die Tür weiter zuhältst oder nicht. Das ist ein Wechsel darin, wer du in diesem Moment bist und wieviel Wahl du hast.
Zu den "externen Entitäten"
Es ist kein Kern-Thema von IFS. Aber die letzten Äußerungen von Richard Schwartz zu "Besessen sein" von externen Entitäten halte ich für sehr problematisch.
Er hat sie gewonnen nach psychedelischen Erlebnissen. Während ich solche Erlebnisse nicht abwerte - im Gegenteil, sie können extrem hilfreich und bewusstseins-erweiternd sein, sogar therapeutisch - bin ich sehr skeptisch, solche eher schamanischen Gedanken, die auf Exorzismus hinauslaufen, in die Therapie aufzunehmen. Vielleicht hat die Grundkonstruktion von IFS - dass diese Teile, auch die guten, "real" sind - Richard Schwartz zu dieser Erweiterung verleitet.
Zu mir als NARM Therapeutin, die über IFS schreibt
Anmerkung dazu: ich bin keine ausgebildete IFS Therapeutin, habe aber einiges an Literatur gelesen, weil ich einige Grundhaltungen mit IFS teile und undogmatisch an Methoden herangehe. Zum Beispiel teile ich die Grundhaltung der "ursprünglich guten Absichten". Oder ich finde den somatischen Ansatz von Susan MCConnel interessant.
Den "externen Entitäten" aus der neueren IFS Theorie stehe ich kritisch gegenüber.
Zudem gilt: In der therapeutischen Praxis kommt es oft mehr auf die individuellen Therapeutin an und wie sie mit der Theorie praktisch umgeht als auf die Methode an sich.
Zum Lesen und Hören
Zu IFS gibt es zum Beispiel jede Menge YouTube-Videos, die man zur Einführung nutzen kann.
RIchard Schwartz zu "externen Entitäten"
https://www.youtube.com/watch?v=RaWM5-zjGf4 Schwartz räumt in diesem Interview ein, dass er "unattached burdens" nicht öffentlich betont, weil er IFS im Mainstream etablieren will. Er beschreibt dann Phänomene, die sich seiner Einschätzung nach klar von normalen Anteilen unterscheiden: Sie gehören nicht zur Person, haben ein eigenständiges Leben, und wollen gezielt schaden. Er nennt sie "unattached burdens" und verweist auf schamanische Traditionen, die ähnliche Konzepte kennen.
Die Intervention: Wenn der Klient in den "Self"-Zustand kommt, verliert die Entität ihre Macht. Danach wird sie "ins Licht geschickt". Sie hat laut Schwartz keine Wahl und muss gehen.
Schwartz sagt explizit, er spreche darüber nicht offen, weil er die Akzeptanz von IFS nicht gefährden will. Das ist eine bewusste Entscheidung, einen Teil der eigenen Praxis zu verbergen. Auch das halte ich für problematisch.
PS: Ich gehe davon aus, dass ein IFS Therapeut hier bestimmt differenzieren würde, und freue mich über Zuschriften.


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