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Scham und Wut: Warum wir die Wut gegen uns selbst richten

vor 6 Tagen
3 Min. Lesezeit

TLDR: Chronische Scham ist kein Gefühl wie Freude oder Traurigkeit, keine Basisemotion. Sie ist eine sehr früh im Leben gelernte, mit der eigenen Wut auf Mama un d Papa umzugehen, von denen man existenziell abhängig ist undauf deren Liebe man angewiesen ist. Scham entsteht aus einer gegen sich selbst gerichteten Wut, um zu vermeiden auf Menschen wütend zu sein, die man liebt oder braucht.

Sucht als vermeintlicher Ausweg

Ein Klient erzählt mir, dass er nach mehreren Wochen ohne Alkohol an einem Abend wieder getrunken hatte und nicht aufhören konnte. Er erzählte es schnell und mit gesenktem Blick, und kommentierte sich selbst: Er sei eben schwach, kriege es einfach nicht anders hin.

Am Abend davor gab es ein Treffen, bei dem er für etwas zustimmte, das er eigentlich gar nicht wollte.

Ich frage ich ihn, was er befürchten würde, wenn er Nein gesagt hätte: nach langem In-Sich-Hineinfühlen spürte er die Angst, dass der Rest der Gruppesich abwenden würde - wenn auch nur innerlich. Und das löste in ihm vorwegnehmend ein Verlassenheitsgefühl - der die Furch davor - aus.

Anmerkung; ich spreche hier nicht von gesunder Scham über Dinge, die man nicht hätte tun sollen. Diese Scham hat eine korrektive soziale Funktion. Ich spreche hier nur von einem unbewussten Schutzmuster, an das viele Menschen sich längst gewöhnt haben, und unter dem sie im Geheimen leiden.

Ich fragte ihn dann, ob es eine "stille Sehnsucht" (ja ich verwende solche Worte) in ihm gibt, ob er eigentlich hätte protestieren und nein sagen wollen? So hatte er es noch nicht gesehen, war seine Antwort. Aber er stimmte zu. Er sagte Alkohol würde den Stress, den dieses Bedürfnis erzeugt, beruhigen. Lebensgeschichtlich betrachtet war das "sich wegmachen" gefühlt einfach sicherer. Aber das erzeugt eine negative Spirale, denn auch das " ich schaffe es einfach nicht anders" erzeugt heute im Erwachsenenalter meist wiederum Scham.

Was ist Scham?

Interessant ist hier, was Larry Heller über Scham schreibt. Larry Heller ist der Autor der NARM (NeuroAssociate Relational Model) Methode, Scham ist für ihn keine Basisemotion,

Scham ist kein Gefühl wie Angst oder Freude, das kurz auftaucht und wieder geht. Sie ist ein altes Notfallprogramm, das dauerhaft im Hintergrund läuft.

Wir haben als Kinder gelernt, uns selbst schlechtzumachen, um die Nähe zu den Eltern nicht zu gefährden, und als Erwachsene machen wir ganz automatisch damit weiter. Vor allem in engen Beziehungen und da, wo die Liebe oder Abhängigkeit am größten ist.

Scham geht mit Wut einher, und zwar mit Wut gegen mich selbst. eine Art Autoaggression. Wenn ich meinen Klientinnen bei der Selbstbeschämung zuhöre, sehe ich das ziemlich genau: Sie sprechen mit sich oder über sich in einem strengen, urteilenden, abwertenden Ton, den sie sich anderen gegenüber kaum erlauben würden. Meist spiegele ich das vorsichtig zurück: „Mir fällt auf, wie unerbittlich du gerade mit dir umgehst."

Ein Kind kann seine Wut oft nicht gegen die Eltern richten, es braucht sie ja zum Überleben. Für ein Kind bedroht Zorn die Bindung. Heller fasst das Dilemma so:

„Lieber das ungeliebte Kind liebender Eltern als das geliebte Kind nicht liebender Eltern." (Larry Heller)

Die Eltern bleiben also die Guten, und das Kind macht sich selbst zum Schlechten. Die Wut geht nach innen und heißt dann Scham.

Wie Wut und Scham sich bedingen

Als Erwachsene schämen sich manche irgendwann auch für die Wut selbst ("ich kann nicht mal meine Aggressionen under Kontrolle halten"), und so hält die Scham die Wut fest, die Wut macht Angst und die Angst bringt mehr Scham,in einem Teufelskreis.


Der Teufelskreis von Wut und Scham

Bei den meisten hält die Scham die Wut zurück, sie bleibt im Untergrund. Bei manchen ist es umgekehrt, da ist die Wut das größere Tabu, schlimmer als jede Schwäche.

Eine meiner Überraschungs-Fragen wenn ich Scham bemerke ist „Welche Beziehung hast du zu Wut?" Manchmal kommt dann erstmal als Antwort ein defensives Achselzucken, Wut? Welche Wut?

Viele fürchten, dass sie aggressiv ausagieren müssen, sobald sie die Wut fühlen. Aber Wut ist zuerst einmal nur Energie. Es hilft, sie ohne das Label "Wut" einfach nur als Energie wahrzunehmen, dann kann man leicher entscheiden - ganz bewusst - was man damit gerade tun soll.


Lesehinweise


Heller/Dörne


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