In Tango und Begegnungen: Empfindest du als Mann Scham, im Becken wirklich präsent zu sein?
- 8. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. März
(Ein Erfahrungsbericht aus meinem Tango Coaching. Wiederveröffentlichter Beitrag von 2020)
KONTEXT: Ich arbeite in Wiesbaden inzwischen als Psychotherapeutin HPG, auch im Selbsterfahrungs und Coachingbereich mit NARM (Neuroaffektives Beziehungsmodell) und Tanz mit Tango Argentino. Das heißt ich unterrichte Tango nicht mehr im üblichen Sinne. Ich begleite hier auf tiefer liegenden Ebenen. Ich schaue vielmehr auf "the inner game of Tango" - was geht eigentlich im inneren Erleben und in der nonverbalen Kommunikation so vor sich. Wo steht man sich unbewusst selbst im Weg? Wo zeigen sich frühe lebensgeschichtliche Prägungen und Schutzstrategien, die heute das Leben, Beziehungen und eben den Tanz verkomplizieren. Das Wesen des Tangos, grundlegende Elemente, die keine Tango-Erfahrung voraussetzen (wie Präsenz, Begegnung, Stehen, Gehen, gemeinsamer Rhythmus, Führen / Folgen) können wir auch in Therapie oder Coaching für konkrete Erfahrungen nutzen. Der Körper erzählt mehr als Worte es könnten! Das ist für Tangotänzer und nicht Tänzer gleichermassen geeignet. Ich nutze einfach mehr oder weniger "Tangomaterial" für die Selbsterforschung.
Bin ich zu viel als Mann mit meiner Energie?

"Darf ich das denn? Ich merke, dass ich befürchte, mit meiner Kraft und männlichen Energie zu viel zu sein."
Tango. Wir gehen in Umarmung den Rhythmus. Er geht vorwärts, ich rückwärts. Sonst nichts.
Sonst nichts?
Oberflächlich betrachtet könnte man denken: ist doch easy... zumindest für Tangotänzer.
Wie einfaches Gehen neue Erfahrungen ermöglicht
Taucht man allerdings tiefer ein und beginnt damit, sich bewusst wahrzunehmen, eröffnen sich schon durch einfaches Gehen neue Erfahrungen und damit auch neue Möglichkeiten.
Für Ben, einen souverän auftretenden und erfolgreichen Mann, der im Kontakt mit Frauen nicht schüchtern ist, ist dies wider Erwarten ein wichtiges Erlebnis.
Er hatte gerade lange und intensiv geübt, aus der Körpermitte zu gehen und den Raum von dort aus einzunehmen. Also sich seines Beckens bewusst den Raum zu erobern, als wäre sein Becken der Motor.
Er war sehr ambitioniert, leidenschaftlich und voll bei der Sache. Das langsame Gehen mit der Energie aus dem Becken, und sich selbst so ungewohnt differenziert zu spüren, tat ihm offensichtlich gut. Er wollte gar nicht mehr aufhören und war offenbar auch auf einer inneren Entdeckungsreise. Er wirkte kraftvoll, stabil, männlich selbstbewusst, und sehr konzentriert.
Dann ermunterte ich ihn, das nun in den gemeinsamen Tanz einzubringen und weiter zu festigen.
Warum männliche Energie zu nutzen nicht automatisch mit sexueller Intention oder Handlung zu tun hat
Währenddessen blieb er dann plötzlich stehen, sah mich an und fragte
" Ist das nicht zu viel? So aus dem Becken auf Dich zu zu gehen? Ich dachte immer ich bin zu viel damit... Ich will ja nicht aufdringlich sein oder missverstanden werden.“
Er wirkte innerlich berührt und sehr bewegt.
Diese unbewusste Gleichsetzung von männlicher Energie mit sexuellem Verhalten - oder zumindest sexueller Intention - habe ich schon öfter erlebt.
Manchmal haben Männer keine innere Differenzierung zwischen männlicher Präsenz und Sexualität. Dann ist Beckenenergie gleichgesetzt mit sexueller Absicht.
Nicht wenige Männer "verschwinden" auf die eine oder andere Weise aus ihrer Körpermitte, um nicht falsch verstanden zu werden. Sie fürchten sich im Tango vor ihrer eigenen Beckenpower.
Oft tun sie das unbewusst. Dies kann aus der irgendwann im Leben erlebten Scham entstehen, mit der eigenen männlichen Lebenskraft als schmutzig oder unerwünscht zu gelten.
Sie müssen sich ihr Becken in gewisser Weise erst wieder zurückerobern und neues männliches Selbstbewusstsein entwickeln.
Wie Führen aus der Körpermitte der Frau Orientierung und Sicherheit gibt
Ich versicherte Ben, das sich seine Präsenz aus der Körpermitte gut anfühlte, mir Orientierung und Sicherheit vermittelte.
Als er auf diese Weise spürbarer wurde, hatte ich es in der Rolle als Folgende leichter. Alles wurde freier und entspannter, Führungsimpulse wurden eindeutiger und konnten sich auf das minimal Notwendige reduzieren.
Gleichzeitig wurde die Umarmung entspannter, weil sie keine kompensatorische "Extraführung" mehr enthielt. Und vor allem: ich spürte IHN! Unser Kontakt war nicht mehr überlagert vom "Machen". Er war mehr präsent und damit in der Begegnung spürbarer. Schön!
Warum männliche Präsenz im Tango wegführt von der Scham - hin zu besserem Führen, mehr Orientierung und Kontakt (nicht nur im Tango)
In den folgenden Wochen strahlte er mich beim Tanzen zwischendurch oft mal an mit der Bemerkung : “ Ich spüre plötzlich viel mehr von Dir! Und was Du machst! Das ist wunderbar. Dafür tanzt man ja...“
Ja, wenn man sich selber mehr spürt und wirklich anwesend ist, kann man auch den anderen mehr spüren. Körperlich feinsinniger und präsenter zu werden, hat Auswirkungen in beide Richtungen.
Wenn sich Männlichkeit mit Empfindsamkeit für die eigene verdrängte Scham verbindet, entsteht Berührung. Zunächst "seelische Selbstberührung". Und dadurch kann auch die Partnerin sowohl in ihrer Körperlichkeit, als auch ihrem Wesen stärker erlebt werden. Frauen fühlen sich dadurch eher gespürt, angenommen und eins mit dem Partner. Ich kenne kaum eine Frau, die sich nicht danach sehnt.
Führung aus männlicher Präsenz heraus macht beide glücklich und das gemeinsame Tanzen leicht.
"Unsere Geschichte": Wie ein empfindsamer Ben sich öffnete
Als er vor ein paar Jahren das erste Mal zu mir kam, habe ich danach ziemlich tief durchatmen und mir Mut machen müssen. Seine coole Schlagfertigkeit, der stechend herausfordernde Blick im angespannten Gesicht mit leicht hochgerecktem Kinn machte mir als Hochsensibelchen zu schaffen. Was mir half, waren meine feinen Antennen für das empfindsame Wesen, das sich dahinter versteckte.
Wir befassten uns nicht nur mit Tango. Er erzählte jedesmal private Gedanken und Gefühle von sich, und ich griff manchmal spontan im Fluss seiner Bemerkungen Dinge auf, die mir wichtig erschienen. Mit einfachen tanztherapeutischen Elementen und mit kurzen Einheiten Authentic Movement konnte er noch einen anderen, tieferen Einblick in seine aktuelle Seelenlandschaft gewinnen. Auch in die Bereiche, die jenseits von Worten lagen.
Ich war nicht erstaunt zu sehen, wie sehr er sich nach seiner eigenen Weichheit, auch in der Begegnung mit anderen sehnte. Ich erlebte mit der Zeit immer öfter seine einfühlsame Seite, die sich berühren ließ. Seine Gesichtszüge und sein Blick entspannten sich mit mehr Übung. Seine Selbst-Wahrnehmung hatte sich verbessert und er übte das Herunterfahren der gezeigten Wehrhaftigkeit, wann immer er im Alltag daran dachte.
All das floss dann natürlich wiederum in den Tango mit ein, konnte in der Begegnung mit mir bewusster werden und bekam direkte Unterstützung.
Diese Mischung von Gespräch, tanztherapeutischen Elementen, und Tango haben wir bis heute beibehalten.
Wir haben für ihn sogar Solo-Gongsessions eingeführt. Dies förderte bei ihm stark die innere Präsenz, Konzentration und das Erleben von Einheit im Tanz, wenn ich zu Beginn ersteinaml Gong für ihn spielte. Bei Gongsession zum Abschluss förderte das Klangerlebnis sehr die Integration des Gelernten. Und klar immer auch tiefe Entspannung und Regeneration.
Psychotherapie und Coaching - auch mit Tango Argentino - in Wiesbaden
Ich biete Psychotherapie und Selbsterfahrung auf der Basis von NARM, un dgerne auch erweitert mit körperorientierten und tänzerischen Elementen wie zB Tango Argentino und Authentic Movement, in meinem atmosphärischen Studio in Wiesbaden an.
Wenn Dich solche Tango-Themen interessieren: weitere Einblick in die spannende Vielfalt meiner Arbeit erfährst Du in kommenden Blogeinträgen.
Kommentare und Fragen sind willkommen!
Schreib mir dazu einfach an mail@rotraut-rumbaum.de
Ich grüße Dich herzlich!
Rotraut


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