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NARM und Gopals Ehrliches Mitteilen (1): Präsenz oder Dissoziation?

  • 1. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Transzendenz oder Dissoziation

TLDR: Ehrliches Mitteilen von Gopal Norbert Klein kann eine effektive Selbsthilfe-Methode für Paare und Gruppen sein. Das zeigen viele Kommentare im Netz. Dieser Post zeigt, wo aus NARM Sicht auf Ehrliches Mitteilen für manche Menschen gerade der Kern der Methode - das Sprachritual - eine Grenze für wahre Präsenz (was Gopal eigentlich anstrebt) sein kann.


Meine Klientin hatte einen positiven Eindruck von Ehrliches Mitteilen (EM) in ihrer EM-Gruppe. Trotzdem kam sie zu mir als NARM-Therapeutin. Warum?


Buchtitel Der Vagus Schlüssel

Ehrliches Mitteilen ist Gopal Norbert Kleins Methode, privat und in Selbsthilfegruppen die soziale Isolation zu überwinden, und in einer strukturierten Form Sicherheit und Vertrauen durch eine spezielle Vorgabe für das Sprechens wiederzugewinnen.

Im Grunde besteht sie darin, dass man in einer strukturierten Gesprächssituation bestimmte sprachliche Regeln einhält.


Buch Titel WOrder der Liebe

Das ist verwandt mit dem Prinzip des "Zwiegesprächs" oder "Dyalog", das der verstorbene Therapeut Michael Lukas Möller vor Jahren entwickelt hatte: Man praktiziert es regelmäßig, und es gibt sprachliche sowie Verhaltensregeln.



Ein anderes sprachregelgeleitetes Modell ist "Gewaltfreie Kommunikation" von Marshall Rosenberg.


Zu EM gibt es im Netz viele positive und negative Kommentare (wörtlich zitiert aus verschiedenen Quellen:

  • "Je öfter man auf diese Kommunikationsebene wechselt, umso häufiger tritt auch diese Gegenwärtigkeit auf"

  • "gelassenere Beziehungen"

  • "Alles was ich gerade wahrnehme, darf da sein"

  • "Die Praxis tut etwas. Die Verbindung in der Gruppe ist real".


Aber es gibt auch Grenzen

  • "kein Dialog, kein Austausch, kein Nachfragen"

  • "die längsten zehn Minuten meines Lebens" (initiale Überforderung)

  • "Alte Beziehungsmuster bleiben - trotz regelmäßiger Praxis"

  • "im Alltag besteht die Gefahr..." (außerhalb des Schutzraums)


Auch die Kommentare unter Youtube Videos mit Gopal sind oft widersprüchlich: sie reichen von Community-Zustimmung zu Fundamentalkritik, aber so sind Social Media.

Das "Ehrliche Mitteilen" Sprachmodell

Gopals Methode beruht im Kern auf einem ritualisierten Sprachmodell, das Kommunikation entpersonalisieren soll. Wie funktioniert das? Gopal gibt drei vorgeschriebene Satzanfänge:

  • „In meinem [Körper] spüre ich jetzt …" (Körperebene)

  • „Ich fühle im Moment …" (Gefühlsebene)

  • „Mein Kopf denkt gerade, dass …" (Gedankenebene)

Sätze mit „Du…" sind verboten. Selbst Impulse und Handlungen müssen umformuliert werden: statt „Ich will aufstehen" → „Mein Kopf denkt, dass mir Aufstehen helfen könnte." Sogar Gedankenstille: statt „Ich denke gerade nichts" → „Mein Kopf denkt, dass keine Gedanken da sind."

Wo ist das Problem? Gopal macht hier zwei Grundannahmen:

Entschärfung von Konflikt

Wenn man sich sprachlich von sich selber distanziert, wirkt das kurzfristig "entschärfend" in einer Kommunikationssituation, da der Partner sich dann nicht so schnell persönlich angegriffen fühlt.

Der Weg zur Spiritualität

Stufe 1 ist das Benennen auf den drei Ebenen — mechanisch, regelgebunden. Das soll das Nervensystem beruhigen und Tabus auflösen. Stufe 2 entsteht dann angeblich von selbst: Wenn nichts mehr zurückgehalten wird, kommt eine „dritte Kraft" ins Spiel — „früher hat man dazu Gott gesagt oder Liebe". Er beschreibt das als transzendentes Erleben: Man fühlt sich „buchstäblich im Himmel", taucht in „grenzenlose Weite" ein.

Weiter gibt es laut Gopal eine Energieebene jenseits der Sprache: Bauch, Brust, Stirn: feinstofflicher Energiefluss zwischen zwei Menschen, bis schließlich „Energie ungebremst vertikal durch die Wirbelsäule nach oben aus dem Kopf austritt" und beide in „Grenzenlosigkeit eintauchen".

Die NARM Sicht auf Ehrliches Mitteilen: Das Risiko der Dissoziation

Meine Grundkritik ist, dass das, was Gopal als Kompetenz und Transzendenz beschreibt, für manche Menschen eher Dissoziation ist.

Was ist Dissoziation?

Mit Dissoziation meine ich hier eine Schutzstrategie, in der man sich von seinen eigenen Gefühlen und/oder Körperempfindungen abkoppelt, indem man sich "von außen sieht" anstatt im inneren zu fühlen.

Man muss dies von spirituellen Praktiken, die die Selbstbeobachtung schulen, oder der Fähigkeit des metakognitiven Gewahrseins unterscheiden. Die Grenze ist aber in der Tat fließend. Gopal hatte Kontakt zu solchen Traditionen, und hat sie in seine Methode als Ziel eingebettet.

Problem 1: Die Sprache erzwingt Beobachterposition

„Mein Kopf denkt, dass..." ist keine Beschreibung von Präsenz, sondern eine Distanzierung. Wer so spricht, tritt aus dem Erleben heraus und beobachtet es von außen. Das kann sinnvoll sein. Aber bei Menschen mit Trauma-Geschichte ist genau das oft schon das was NARM "Überlebensmodus" nennt. Die Methode "belohnt" diesen Modus, weil sie ihn als Sprach-Kompetenz darstellt.

Problem 2: Die Methode kann Dissoziation nicht von Regulation unterscheiden

Gopal setzt voraus, dass die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung Kontaktkapazität bedeutet. Das stimmt nicht unbedingt.

Jemand mit Dissoziation kann die Formeln perfekt anwenden und dabei vollständig vom eigenen Erleben abgekoppelt sein, ohne dass man selbst oder Außenstehende das erkennen. Es ist ein Unterschied, ob man "im Feuer der Gefühle sitzt" und sie gleichzeitig wahrnimmt, oder ob man sie "unter der Decke hält" und unterdrückt.

Das spirituelle Erleben ist möglicherweise Dissoziation

Die beschriebenen Endstadien, Grenzenlosigkeit, Auflösung des Selbst, sind erfahrungsmäßig in intensiver Form manchmal schwer von "Depersonalisation" oder "Derealisation" in einem aktivierten Zustand zu unterscheiden. Gopal beschreibt sie als Transzendenz und wertet sie als Heilungszeichen. Das macht die Methode für manche Menschen riskant, weil ein dissoziatives Erleben als spiritueller Fortschritt missverstanden werden kann. Es kann aber einfach als "bypassing" der eigenen Emotionen benutzt werden - also am realen, oft konflikthaften inneren Erleben und Fühlen vorbei.

Die Grenzen meiner Kritik

Ich behaupte nicht, dass meine Bemerkungen für jeden zutreffen. Auch ist Gopal so ehrlich, stark traumatisierte Menschen an Therapeuten zu verweisen, zum Beispiel Verena König oder Dami Charf. Die vielen positiven Kommentare stehen einer einseitigen Kritik entgegen. Ich möchte nur auf die Gefahr einer Verwechslung hinweisen, da für manche Menschen die Methode eher zu Gefühlsflucht als zu Präsenz führen kann.

Referenzen

Gopal Norbert Klein zu EM


Gopal zu Floating


Michael Lukas Möller zu "Zwiegesprächen"



Die kritischste Stimme zu Gopal, zum Teil sachlich begründet zum Teil seinerseits politisch https://www.psiram.com/de/index.php?title=Gopal_Norbert_Klein


Ein Artikel zu EM und Gewaltfreie Kommunikation aus EM Sicht



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