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Rotraut Rumbaum  Mindful Motion

Rotraut Rumbaum

Mindful Motion

Der Atem im Tango bei Stress & Trauma

Ein Einblick in meine Arbeit.


Rotraut Rumbaum Mindful Motion Tango Coaching

Muss man (beim Tango tanzen) atmen? Ja!


Ok, das war natürlich ein Scherz... es geht natürlich eher um das Wie als um das Ob..


Den Atem "vergessen"?


Nicht nur beim Tango vergessen wir das so oft. Zumindest wird das "richtige", bzw. für die Situation hilfreiche, Atmen sowie seine unmittelbare Wirkung auf Körper und Psyche völlig unterschätzt. Das Bewusstsein und die Achtsamkeit liegt in der Regel einfach nicht darauf. Es ist eine Hintergrundaktivität, die alte Verhaltensmuster und antrainierte Gewohnheiten von Körper und Psyche wiederspiegelt und auch verstärkt. Zum Beispiel Anspannung. Oder, unbewusste Angst sich zu zeigen und Nähe zuzulassen.


Was heißt hier "richtiges Atmen"? Ich meine in diesem Fall ein Atmen, das die Entspannung unterstützt, ein Atmen, das einen wegführt von innerem Druck, Verkrampfung und psychischen Altlasten. Ein Atmen, das u.a. Entspannung, Präsenz, Wohlgefühl, erfüllendes Miteinander und innere Freiheit ermöglicht.


Geht das? Und wie arbeite ich damit im Coachingprozess? (Übrigens nicht nur im Kontext von Tango, sondern jde nach Bedarf auch bei anderen Bewegungsformen, in Klangsessions, Meditation, Gespräch oder Sonstigem.)



Coaching Einblick zu Atem bei Tango, Trauma, Stress


Beim Mindful Motion Tango Coaching fiel mir letztens sehr stark auf, wie mein Kunde (nennen wir ihn Johann) sehr schnell und flach atmete. Ich sprach ihn direkt darauf an und lud ihn ein, mit mir darüber ins Gespräch zu kommen.


Ich erzählte ihm auch von meinen eigenen Erfahrungen mit Stress- bzw. Trauma bedingter bedingter Kurzatmigkeit. Johann öffnete sich nach und nach, erwähnte Kindheitstraumata, sowie die Schwierigkeit, zur Ruhe zu kommen, sich selbst zu spüren und seine Unfähigkeit zur Selbstliebe.


Er war sehr berührt, mal darüber sprechen zu können. Er hatte Tränen der Erleichterung in den Augen, weil dieser permanente innere Druck, den er gewohnt war innerlich auszuhalten, gerade mal ein Ventil fand und warmherzige Anteilnahme erfuhr.


Was machte ihm Schwierigkeiten?


Insgesamt schauten wir uns dann an, was ihm Schwierigkeiten bereitete (eine lange Liste, die sich aus dem Gespräch und der physischen Bestandsaufnahme zum Atmen ergab):


  • Flaches, schnelles Atmen im Brustbereich

  • Verkrampftes Zwerchfell, eingeschränkte Atmung und Dehnfähigkeit

  • Hohe generelle Anspannung und Kontrolle über sich selbst

  • Gefühl, sich ständig nach außen hin beweisen zu müssen, Perfektionismus, sich immer toll, stark oder verständnisvoll anderen gegenüber präsentieren zu müssen

  • Schwierigkeit, Zugang zu seinen Gefühlen zu finden und sich selbst wahrzunehmen

  • Tendenz, eine antrainierte Maske/Fassade nach außen aufrecht zu erhalten

  • Unfähigkeit, wirklich locker und entspannt im Moment zu sein

  • Fehlende körperliche und emotionale Präsenz und Offenheit

  • Schwierigkeit, als Führender im Tango eindeutige Signale zu senden

  • Schwierigkeiten, runterzufahren und sich innerlich zu entspannen

  • Kindheitstraumata

  • innere Leere, die mit Aktionismus kompensiert wird



Mindful Motion Tango als alternative Tanz- oder Psychotherapie?


Wir hatten keine Psychotherapie vereinbart, sondern Tango-Coaching. Oft ist ein Eintauchen in die Vergangenheit und das Aufarbeiten im Gespräch bei entwicklungstraumatischem Hintergrund auch gar nicht angezeigt, da dadurch das Nervensystem wieder in die alten Überlebensstrukturen eintaucht und eher darin verstärkt wird. Ich nehme das Tango-Coaching selber als wunderbares Werkzeug der Bewusstwerdung UND der praktischen Übung von Veränderung, hier verbunden mit bewusstem Atem. Es ist nicht nötig zu pathologisieren und in der Vergangenheit zu kramen. Letztlich geht es darum, nachhaltige Veränderung zu initiieren und Heilung zu ermöglichen. Dafür braucht es bewusste Körperwahrnehmung, unterstützenden, sicheren Kontakt, die Verbesserung von konkreten Bewegungs- und Haltungsmustern, sowie das Kennenlernen und Erweitern von Handlungsspielräumen.



Atmen kann man üben


Gemeinsam erprobten wir eine spezielle Atemtechnik - zweimal tief und kräftig in den Bauch einatmen und das Zwerchfell nach unten dehnen, dann betont langsam und lange wieder in den Bauch ausatmen. Da sein Zwerchfell sehr verkrampft war, fiel ihm dies zunächst schwer. Doch schon allein die Konzentration auf den Atemweg zeigte eine positive Wirkung. Dieser Atem wurde Hausaufgabe für den Alltag.


Für die Tangopraxis schlug ich ihm vor, das Ausatmen so weit wie möglich zu verlangsamen und sehr zu vertiefen - möglichst bis tief ins Becken zu lenken. Der Einatem schlicht, unangestrengt und für ihn gefühlt nebensächlich. Eine grosse, doch sehr beruhigend wirkende Herausforderung für ihn.



Unterstützende Suggestionen während des Tangos


Um den Fokus weiter auf den Körper und den Moment zu lenken und beim Tango zu bleiben, gingen wir in Umarmung einfache Schritte im Raum. Ich ermutigte Johann dabei zusätzlich, sich immer wieder zu erlauben, sich selbst einfach nur wohlzufühlen und den Bewegungsfluss zu geniessen, ohne den Anspruch, irgendetwas zu leisten oder zu erreichen. (Männer haben beim Tango Argentino oft einen ungeheuren Leistungsdruck, und bemühen sich, besonders männlich, kraftvoll, elegant oder virtuos zu.) Den nahm ich ihm komplett und führte ihn sozusagen vom Tun zum Sein. Jetzt und Hier anzukommen in. sich selbst. Ein wichtiger Punkt.


Bereits dieses einfache Vorgehen der Atem- und Selbstwahrnehmung während des gemeinsamen Gehens in Umarmung führte zu deutlichen Veränderungen der Haltungs-, Atem- und Bewegungsmuster. Johann wirkte zunehmend entspannt, gegenwärtig, stabil und mehr im Kontakt.


Ich unterstützte ihn immer wieder während unserer einfachen, gelaufenen Tänze mit : "Erlaube dir Dich selbst und den Kontakt einfach zu geniessen", "Spüre Dich in deinem Körper" oder "Du musst hier nichts beweisen", "Es gibt kein Ziel, das Du erreichen musst."



Entspannung und Kontakt


Das tat ihm unglaublich gut und er entspannte sich zusehends. Das war für ihn eine ganz neue Erfahrung und berührte ihn sehr. Auch ich hatte ihn so noch nie erlebt beim Tanzen und der Effekt war, das ich mich beim Tanzen mit ihm ebenso viel wohler und auch verbundener mit ihm fühlte. Der Tanz wurde persönlicher, menschlicher, wärmer, weicher, einfühlsamer. Und die Aussicht, das Frauen sich oft genau das wünschten im Tango, motivierte ihn zusätzlich.


Am Ende der Stunde waren wir beide erfüllt von diesem heilsamen Prozess.


Gemeinsames ruhiges Atmen, verstärkt durch den physischen Kontakt in der Umarmung und das gemeinsame synchrone Gehen im Rhythmus der Musik, bringt Menschen tief zu sich selbst und auch in tiefere Verbindung miteinander.


Lektion: Atem und Achtsamkeit


Mit Atem- und bewusste Körperwahrnehmung im Tango-Coaching kann oft eine Ebene berührt werden, die über reine Tanztechnik und "Äußerlichkeiten" hinausgeht. Gerade Menschen mit Traumata, Selbstwertproblemen oder Burnout können so über Bewegung, Tanz und Kontakt neue Zugänge zu sich selbst finden.


Es ist auch eine Art Achtsamkeitstraining während des Tanzens: nämlich sein Bewusstsein "in den Körper zu gießen", und sich darüber bewusst zu werden, was der Körper eigentlich so spürt und macht.


Da gibt es sogar von Buddha eine berühmte Sutra, die das Prinzip am Beispiel des Atmens zum Ausdruck bringt:


Wenn er einen langen Atemzug einatmet, weiß er, dass er einen langen Atemzug einatmet;
wenn er einen langen Atemzug ausatmet, weiß er, dass er einen langen Atemzug ausatmet.
Wenn er einen kurzen Atemzug einatmet, weiß er, dass er einen kurzen Atemzug einatmet;
wenn er einen kurzen Atemzug ausatmet, weiß er, dass er einen kurzen Atemzug ausatmet.

(Ānāpānasati Sutta zitiert in Yates (Culadasa) & Immergut, 2017, S. 146)


Natürlich geht es dabei nicht nur um das Atmen: es ist dasselbe mit vielen Körperhaltungen, Bewegungen und -funktionen.


Ich freue mich darauf, diesen Ansatz weiterzuentwickeln und damit Menschen auf ihrem Heilungsweg zu begleiten. Egal, ob es sich nun um Tango Argentino handelt oder anderes.


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