Von der Umarmung zu partnerschaftlicher Entwicklung: Paartherapie mit der Mindful Motion Tango - NARM -Synthese
- Rotraut Rumbaum

- 1. Mai
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Okt.
Für wen ist das? Für alle: Nicht-Tänzer und Tango-Tänzer. Für Paare, die allein durch Gespräch oder Therapie nicht weitergekommen sind, oder die einfach explorativ sind. Worum geht es? Ich stelle hier vor, wie man in der Paartherapie sowohl eher körperliche wie dialogische Möglichkeiten einsetzen kann. Ich verdeutliche das Tango Argentino oder einfache Elemente daraus ist und die gesprächsbasierte NARM-Methode. Warum weiß ich worüber ich spreche? Ich habe 13 Jahre lang professionell Tango Argentino unterrichtet - schau hier. Und ich habe eine tiefe Ausbildung in mehreren anerkannten Therapie-Methoden (u. a. Tanztherapie und NARM). Insgesamt habe ich in tausenden Stunden Einzelne, Paare und Gruppen begleitet, in Unterricht, Therapie und Coaching. Lehrfilme noch nicht eingerechnet! |

Wann hast du dich das letzte Mal authentisch, präsent, sicher UND frei zugleich in einem engen Kontakt gefühlt?
Und was hat der Tango damit zu tun?
Tango macht über Bewegung und Kontakt erlebbar, wie sich eine sichere Bindung anfühlt und diese hilft, sich selbst auszudrücken und zu entfalten.
Für Nicht-Tänzer oder Anfänger, die sich dafür interessieren: Das gilt nicht nur für das, was man sich als "richtigen Tango" vorstellt. Es gilt auch für die einfachen Elemente, die wir - angepasst an deine (Nicht-)Kenntnisse - anwenden können. Mit "Elemente" meine ich so einfache Dinge wie Stehen, Gehen, Umarmen, den Blick, das Spüren von eigenen Impulsen und denen vom Partner usw. Wenn ich im Folgenden "Tango" sage, meine ich immer beides. |
Diese Art der Erfoschung und Reflexion kann besonders wohltuend sein, wenn man früher schwierige Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen gemacht hat, und die Folgen dessen ändern möchte (in Therapie-Sprache: "Entwicklungstrauma").
Genau hier setze ich mit meinem Ansatz an, der Tango und therapeutisches Gespräch verbindet.
Es gibt auch andere Varianten dieser Verbindung. Zum Beispiel hat Simone Schlafhorst den standardisierten "Neurotango" für neurologische Störungen entwickelt. Das ist etwas ganz anderes als was ich hier vorstelle; es zeigt, dass Tango Argentino etwas Besonderes ist. Ich habe noch keine "Walzer-Therapie" gesehen! |
Tango als Erfahrungsraum für dich und euch
Sprechen wir zuerst über Tango.
Tango (oder seine Elemente) ist ein lebendiger Erfahrungsraum für Begegnung, nonverbale Kommunikation, Präsenz, Kontakt und die Art, wie wir Beziehungen in der Tiefe erleben und gestalten.
Im Tango brauchen wir einander - das weiß jeder: "It takes two..". Deshalb ist die Basis für guten und erfüllenden Tango eine sichere Bindung und eine "erwachsene", wechselseitige Abhängigkeit.
Tango ermöglicht es, diese Erfahrung sicherer Bindung und gesunder, wechselseitiger Abhängigkeit im tänzerischen Miteinander zu erfahren.
Beim Tango zeigt sich was einem dabei im Weg steht. Hier können wir ganz fühlbar entdecken, wie wir oft unbewusst das verhindern, was wir uns eigentlich wünschen. Aber wir können durch Tango lernen, dass wir mehr Einfluss haben, als wir dachten, und als wir in unserer Kindheit oft gelernt haben
Was meine ich mit sicherer Bindung im Tango?
Stell dir ein unsichtbares, elastisches Band zwischen zwei Menschen vor. Es hält die Verbindung, ist aber dehnbar genug, um beiden Raum für eigene Bewegungen zu geben.
Du kannst spüren, bis zu welchem Punkt ihr euch voneinander entfernen könnt, bevor die Verbindung zu reißen droht. Im Tango lernen wir, mit diesem inneren Band umzugehen, es zu pflegen und ihm zu vertrauen. Tango lebt von einem "Sowohl-als-auch", nicht von einem starren "Entweder-Oder": Einheit/Freiheit, Kooperation/Anpassung, Hingabe/Selbstaufgabe, Präsenz/Dominanz.

• Einheit und Freiheit: Eine gesunde, erwachsene Abhängigkeit, die auf Eigenständigkeit basiert, und in der Du dich bewusst für Verbundenheit entscheidest.
• Kooperation statt Anpassung: Du arbeitest zusammen und gestaltest aktiv mit, statt dich unterzuordnen.
• Hingabe statt Selbstaufgabe: Du kannst dich dem Miteinander hingeben, ohne dich selbst zu verlieren.
• Präsenz statt Dominanz:
Du bist präsent und klar, ohne den anderen zu kontrollieren und manipulieren.
Neue Erfahrungen sind heilsam und befreien!
Wenn wir im Tango lernen, diese Qualitäten zu verkörpern, machen wir neue
Erfahrungen:
• Ich kann in engem Kontakt / großer Nähe sein UND mich selbst spüren.
• Ich kann mich führen lassen UND dabei präsent, eigenständig und gestaltend bleiben, empfänglich sein und mich auch aktiv einbriungen
• Ich kann führen UND auf die Reaktion des Partners eingehen, empfänglich bleiben.
• Ich kann mich sicher und verbunden fühlen UND gleichzeitig frei und eigenständig.
Diese neuen Erfahrungen überschreiben alte Muster nicht sofort, denn Entwicklung braucht Zeit. Aber sie erweitern unseren Spielraum und unser Gefühl von Selbstwirksamkeit und damit von Sicherheit. Wir lernen körperlich, wie sich eine sichere, flexible und gleichzeitig klare Verbindung anfühlt.
Das kann tiefgreifende Auswirkungen auf unser Selbstgefühl und unsere Beziehungen außerhalb des Tanzes haben.
Flow und das tiefe Gefühl von Einheit
Manchmal erleben wir dabei auch sogenannte "Flow-Zustände": Momente, in denen wir ganz im Hier und Jetzt aufgehen, die Bewegung mühelos fließt und Denken, Fühlen, Bewegen so wie Du und ich als Einheit erlebt werden. Diese Momente wünscht sich jeder, sei es als Tänzer oder als Musiker und natürlich - in der Erotik! Im Tango kann man das Prinzip üben!
Tango - der "Macho- und Hingabe-Tanz"? Nein!
Wenn man an Tango denkt, hat man oft ein verfälschtes Bild im Kopf: der leidenschaftliche, machohafte Mann führt, die Frau folgt hingebungsvoll, alles sehr erotisch und voller Klischees von Männlichkeit und Weiblichkeit. Die KI zeigt es so - grusel....
In dieser KI-Abbildung beschränkt sich Tango auf eine begrenzete Spielart und wird dem inneren Reichtum und der Vielfalt an Gestaltungs- und Erfahrungsmöglichkeiten überhaupt nicht gerecht.
Ich eröffne dir ein neues und tiefes Verständnis von Tango Argentino, das die Folgen lebensgeschichtlicher Prägungen mit einbezieht und Achtsamkeit stärkt. Ich nenne meinen Ansatz Mindful Motion Tango.
Loslösung von starren Rollenbildern mit "Mindful Motion Tango"
In meinem daraus geborenen Tango-Verständnis geht es nicht um festgelegte Rollen. Wir alle tragen sowohl das in uns, was wir traditionell als "männliche" und weibliche Qualitäten bezeichnen. ZB:
Männlich
Klarheit und Präsenz
Führung
Stabilität
Aktivität
Weiblich
Empfänglichkeit
Hingabe
Flexibilität
Sein
Aber:
Der Tango (und unsere Beziehungen) wird erst dann wirklich spannend und lebendig, wenn beide lernen, diese verschiedenen Seiten in uns selbst und im Miteinander zu entdecken und zu leben.
Die Tango-NARM-Synthese als eine körperbasierte Brücke zur Selbsterforschung für Paare oder Solo

Wie verbinden sich bei mir Tango und NARM?
Für mich ist Tango eine wunderbare körperbasierte Brücke zur Selbsterforschung in der therapeutischen und paartherapeutischen Arbeit. Dies spielt beispielsweise im NARM-Ansatz eine Rolle.
Diese Methode mit dem leider so unemotionalen technischen Namen "Neuroaffektive Relational Model" (NARM) ist eine Methode zur Heilung von Entwicklungstrauma und den Folgen früher Prägungen im Erwachsenenalter.
Die inneren Räume erforschen - mit Tango und NARM
Tango kann uns also helfen, tief verankerte Muster im Umgang direkt im Körper zu spüren und zu erforschen. Dies gilt zum Beispiel für
Nähe
Distanz
Autonomie
Abhängigkeit
Einstimmung
Vertrauen
Kontrolle
Selbstbeziehung
Verbundenheit
Im Tango aktivieren wir die Themen im Hier und Jetzt, durch den Körper und die Sinne. Dann werden sie im Gespräch weiter erforscht.
Warum ist Mindful Motion Tango so wertvoll für die therapeutische Selbsterforschung und für Paare?
Weil Tango uns auf einer sehr direkten, körperlichen Ebene mit unseren Beziehungsmustern konfrontiert und wir bei näherer Betrachtung erleben können, wo wir die Verbindung zu uns selbst aufgeben, um Gemeinsamkeit zu ermöglichen.
Die körperliche Nähe, die Umarmung, das tänzerische Aufeinander-Angewiesen-Sein im Führen und Folgen – all das kann tief in uns liegende, oft unbewusste Erinnerungen an frühe Beziehungserfahrungen wachrufen.
Der Körper erinnert sich
Unser Körper "erinnert" sich an Zeiten, in denen wir vielleicht ähnlich abhängig von Bezugspersonen waren, auch wenn wir keine bewussten Bilder mehr davon haben (denn diese Art der Erinnerung beginnt oft erst später im Leben).
Im Tanz zeigt sich, wie wir unbewusst noch immer aus diesen alten Erfahrungen heraus agieren und daher mehr reagieren als das Miteinander authentisch nach unseren “erwachsenen Möglichkeiten zu gestalten.
Unsere alten Überlebensstrategien werden direkt im Tanz sichtbar und fühlbar
Anpassung/Überanpassung: Geben wir uns selbst auf, um die Verbindung nicht zu gefährden? Verlieren wir den Kontakt zu uns selbst, um dem anderen zu gefallen oder Konflikte zu vermeiden?
Rückzug: Ziehen wir uns emotional oder körperlich zurück, wenn es uns zu nah oder zu schwierig wird? Trauen wir uns nicht, uns wirklich zu zeigen?
Kontrolle/Kampf: Versuchen wir, den Partner oder die Situation zu kontrollieren, weil wir uns sonst unsicher fühlen? Führen wir dominant, statt einzuladen? Folgen wir widerwillig oder kämpfen wir gegen die Führung an?
Verlust von Eigenständigkeit: Verschmelzen wir mit dem Partner und verlieren unser eigenes Zentrum?
Im Tango können wir diese Muster nicht nur erkennen, sondern unmittelbar erleben. Wir spüren sie im Körper, in der Bewegung, in der Begegnung. Das ist oft viel direkter und eindrücklicher als nur darüber zu sprechen. Wir entdecken vielleicht unsere unbewusste "Prioritätenliste":
Was ist uns in Beziehungen wichtiger?
Verbindung um jeden Preis?
Autonomie?
Sicherheit?
Kontrolle?

Das Dilemma in Frauen-Workshop: Ein Beispiel aus meiner damaligen Unterrichtszeit
Ich erinnere mich gut an meine früheren Workshops für Frauen, in denen wir an der Technik, Eigenständigkeit und erweiterten Kompetenzen in der Folgenden Rolle arbeiteten.
Zuerst übte jede Frau für sich, z.B. Ochos – stabil, elegant, musikalisch, vielleicht mit kleinen Verzierungen. Das gelang mit etwas Übung immer besser. Die Frauen wurden zunehmend präsent, ausdrucksstark und koordiniert.
Doch sobald sie dasselbe zu zweit, also mit einer Partnerin im Tanzkontakt, üben sollten, änderte sich das Bild oft dramatisch. Es war, als hätten sie alles vergessen, was sie gerade noch allein gekonnt hatten. Ihre ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, sich irgendwie im Kontakt zurechtzufinden. |
Oft bedeutete das: sie passten sich extrem an die Partnerin an, so dass alles andere – die eigene Stabilität, der Ausdruck, die Musikalität – in den Hintergrund trat.
Sie steckten unbewusst in einem Dilemma, das wir auch aus der NARM-Therapie kennen:
Wie kann ich mein eigenes Potential, meine eigene Bewegung einbringen, ohne die Verbindung zur Partnerin zu verlieren oder zu stören? |
Sie erlebten es als ein "Entweder-Oder":
Entweder bin ich ganz bei mir ODER ich bin in Verbindung. Beides gleichzeitig schien unmöglich. Meist war ihnen das nicht einmal bewusst. Sie merkten nur: Irgendwie ist es viel schwieriger als gedacht.
Körperlich zeigte sich das zum Beispiel so:
• Die Arme hielten die Partnerin entweder zu fest (was destabilisiert) oder nahmen kaum Kontakt auf.
• Sie versuchten, möglichst unabhängig zu bleiben, oder kümmerten sich übermäßig darum, was die andere macht (oder nicht macht).
• Sie brauchten viel Kraft, um äußere Impulse zu kompensieren, oder verloren umgekehrt ihre eigene Körperspannung und Gestaltungskraft.
• Sie hörten die Musik nicht mehr richtig oder konnten den Rhythmus nicht mehr umsetzen, weil sie zu sehr davon abhingen, wie die Partnerin sich bewegte.
• Die Fähigkeit, Verzierungen einzubauen, ihre Bewegungen aktiv zu gestalten verschwand fast vollständig.
Was habe ich sonst noch beobachtet?

Ähnliche Dynamiken beobachte ich auch oft im Zusammenspiel von Männern und Frauen im Tango, beispielsweise im Umgang mit dem Beckenbereich oder in spezifischen Paar-Abläufen, die alte Rollenmuster oder Konflikte widerspiegeln.
Die Essenz vom Tango, wichtig für das Gelingen von Beziehung allgemein: Präsenz, Einheit, Freiheit
Im Tango Argentino wirken drei Prinzipien wie eine stille Architektur zusammen – sie stützen und bedingen einander:
Präsenz
Du bist im Hier und Jetzt, spürst deinen Körper, deinen Atem, deinen Stand im Raum. Du balancierst Stabilität und Flexibilität, behältst deinen eigenen Rhythmus, auch wenn das Außen sich verändert.
Einheit
Aus deinem eigenen Zentrum heraus verbindest du dich mit dem Partner. Ohne dich zu verlieren, ohne den anderen zu vereinnahmen. Ihr haltet gemeinsam den Beziehungsraum – elastisch, lebendig, respektvoll.
Freiheit
Auf der Basis von Präsenz und Verbindung entsteht Improvisation. Ein kreatives, freies Spiel, in dem beide tanzen, gestalten, führen, folgen, atmen – jeder für sich und beide gemeinsam.
Das kannst du gerne mal im übertragenen Sinne für dich in Bezug auf deine Beziehungen überprüfen. Ich bin gespannt, was du herausfindest. Schreib mir gerne.
Ist das vielleicht auch für dich?
Dieser Ansatz, Tango als verkörperte Selbsterfahrung zu nutzen, ist besonders geeignet für:
Paare, die irgendwie nicht weiter wissen und schon alles mögliche ausprobiert haben
Paare, die spüren möchten, wie sie miteinander umgehen – nicht nur darüber reden, sondern es am eigenen Körper erleben und neue Wege ausprobieren.
Menschen, die Lust auf Bewegung haben und neugierig sind, wie Körper und Gefühle zusammenhängen.
Alle, die sich selbst besser kennenlernen wollen – besonders wenn du als Therapeut oder Coach arbeitest oder einfach gerne experimentierst.
Wichtig ist: Du brauchst keinerlei Vorkenntnisse im Tango und musst auch nicht tanzen "können"! (Wobei erfahrene Tangotänzer von meinem Ansatz in mehrfacher Hinsicht natürlich sehr profitieren.) Es geht hier nicht um Leistung oder Perfektion, sondern die subjektive, ehrliche innere Erfahrung. Was du mitbringen solltest, ist Offenheit, Neugier, die Lust, dich selbst in Bewegung und Begegnung zu erforschen, und die Bereitschaft zur Selbstwahrnehmung.
Einen schönen Gruß!







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